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Norbert Niemann / Eberhard Rathgeb: weitere Ausgabe:
Die großen Schriftsteller und Kritiker der fünfziger und sechziger Jahre haben lange das Bild von der Gegenwartsliteratur geprägt - doch die Revolte von '68 und erst recht die "Mediengesellschaft" der neunziger Jahre haben eine vollkommen andere Wirklichkeit erzeugt und verlangen neue Kriterien. "Es läßt sich von der Kunst ablesen, was aus den Menschen geworden ist." Der Satz von René Schickele, geschrieben 1933 im südfranzösischen Exil, ist dem "Deutschen Lesebuch" von Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb vorangestellt. Der Schriftsteller und der Kritiker wollen mit ihrer "Inventur" die Literatur weder in den Sarg eines Kanons stecken, noch eine literarische Dokumentation der politischen Geschichte seit 1945 vorlegen. Sie erzählen vielmehr die Geschichte der Schriftsteller, die immer neue Worte suchen, weil sie die Wirklichkeit vor den letzten Worten, in denen sich der Gemeinverstand gerne einrichtet, bewahren möchten. Mit ihrer Auswahl und ihren Kommentaren, mit berühmten und mit vergessenen Namen setzen sie neue Akzente: von Thomas Mann und Ernst Kreuder, Christine Lavant und Hans Lebert, Hannah Arendt und Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson und Undine Gruenter bis hin zu Patrick Roth, Kathrin Röggla und Michael Lentz reicht der Bogen, der die letzten sechs Jahrzehnte umfaßt. Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb zeigen, welchen bleibenden schönen Schaden die Literatur gegen die Planierungen der Realität angerichtet hat. Jeder Originaltext, von Ernst Jüngers Tagebuch bis zu Michael Lentz' Völkerschlachtdenkmal, wird von einer präzisen Einführung begleitet, und jedes Jahrzehnt von einer konzentrierten Epochendarstellung. Register und ausführliche Biographien der ausgewählten Autoren erhöhen den Gebrauchswert des Bandes.
Textauszug: "Wo sind wir jetzt?" 1980 - 1992 (Einleitung)
Im September 1980 wird in Bochum das Drama "Der Weltverbesserer" von Thomas Bernhard uraufgeführt. Regie führt Claus Peymann. Den Weltverbesserer spielt Bernhard Minetti. Der sitzt in einem Sessel und kann sich kaum bewegen. Der Weltverbesserer ist 68 Jahre alt, er hört und sieht schlecht. Vom Sessel herab kommandiert er herum. Er wartet auf eine Delegation, die ihm die Urkunde seiner Ernennung zum Ehrendoktor für sein "Tractat zu Verbesserung der Welt" überreichen soll, der in den universitären Kreisen Furore gemacht hat. Die Delegation wird kommen und wieder gehen. Der Tod aber wird dem Weltverbesserer, der die Kontrolle über sein Bewußtsein immer mehr verliert, in den Knochen stecken bleiben. So enden die siebziger Jahre. Thomas Bernhard weilt im Sommer in einem seiner oberösterreichischen Landhäuser und im Winter im warmen Süden Europas. Das Mittelmeerklima erleichtert ihm das Atmen. Seit seiner Jugend leidet er an einer Lungenkrankheit, seit Mitte der siebziger Jahre weiß er, daß er bald sterben muß. Bernhard produziert Dramen, Prosa, Romane wie ein Besessener. Er schreibt um sein Leben. Von der Öffentlichkeit und der politischen Gegenwart erwartet er nichts mehr. Jetzt räumt er auf mit den Lügenveranstaltungen. 1979 tritt Bernhard aus der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung aus, weil Altbundespräsident Walter Scheel darin aufgenommen wird. "Bis vierzig. Habe ich mich der Erniedrigung dieser Preisverleihungen unterzogen . . . Ich habe Preisverleihungen immer als die größte Erniedrigung, die sich denken läßt, empfunden, nicht als Erhöhung. Denn ein Preis wird einem immer nur von inkompetenten Leuten verliehen, die einem auf den Kopf machen wollen und die einem ausgiebig auf den Kopf machen, wenn man ihren Preis entgegennimmt. Und sie machen einem mit vollem Recht auf den Kopf, weil man so gemein und so niedrig ist, ihren Preis entgegenzunehmen", schreibt er in "Wittgensteins Neffe". Das Buch erscheint 1982. Es handelt von Bernhards Freundschaft mit Paul Wittgenstein, einem Neffen des Philosophen Ludwig Wittgenstein, seiner angeblichen Geisteskrankheit und seinem Sterben. In dem genialen Verrückten findet er einen Wesensverwandten. Menschen wie er und Künstler wie Bernhard haben in einer von allen Geistern verlassenen Gesellschaft keinen Platz und gehen an ihr zugrunde. Vernichtet weiterzuleben, das ist für Bernhard die Signatur seiner Epoche. Die Kunst ist das letztes Refugium der Selbstbehauptung. Dahin machen sich auch Peter Handke und Botho Strauß auf den Weg. Für die Klassiker der achtziger Jahre ist die Welt nicht mehr zu retten. Im Kalten Krieg wird die nächste Spirale des atomaren Wettrüstens gedreht. Der Raubbau an der Natur nimmt bedrohliche Ausmaße an. Engagierte Schriftsteller der älteren Generation, allen voran Heinrich Böll, solidarisieren sich mit den überall entstehenden Bürgerinitiativen, beteiligen sich an Friedensmärschen und Sitzblockaden gegen Raketenstationierungen. 1980 schließen sich Umweltschützer und Friedensaktivisten zur Bundespartei der Grünen zusammen, die 1983 in den Bundestag einzieht. Die Apokalypse wird als radioaktive Verseuchung und ökologische Katastrophe erwartet. Das Atomreaktorunglück im ukrainischen Tschernobyl 1986 bestätigt die Ängste. Heinrich Böll findet in der Friedensbewegung den Geist der Zukunft: "was sich hier zeigt und weiterhin auch anderswo zeigen wird, ist keine Gruppe von moralistischen Spinnern". Doch in der Bundesrepublik existiert kein Konsens mehr darüber, wie über die Gesellschaft nachzudenken sei. Der Philosoph Jürgen Habermas nennt das in einer Studie "Die neue Unübersichtlichkeit". Aus der kapitalistischen Gesellschaft wird die Konsumgesellschaft, aus dem engagierten kritischen Intellektuellen wird der zynische Intellektuelle, dem der damals noch unbekannte Peter Sloterdijk ein sehr erfolgreiches Buch widmet: die "Kritik der zynischen Vernunft". Das Projekt der Moderne, die Aufklärung aller, ist gescheitert. Die Künstler bewegen sich wieder freier. Sie tragen die Politik und die Avantgarde nicht länger als Zwangsjacken. In eine ähnliche Richtung, nur in kleinem Maßstab, gehen Künstler in der DDR. Sie sammeln sich am Prenzlauer Berg, sie möchten sich der Last des sozialistischen Realismus entledigen. Auch sie sind Postmoderne. Sie scheren aus dem künstlerischen Einheitswerk der politischen Einheitspartei aus, die immer noch und unbeirrt auf dem Weg in die Zukunft ist. Sie widmen sich der Literatur als Handwerk: Dichten und Drucken. Im Kosmos aus kleinen Zeitschriften, handverlesenen Ausgaben und heimeligen Lesungen blüht die romantische Vorstellung von einem Verbund von Dichtung und Leben im engen privaten Kreis wieder auf. In der Bundesrepublik werden als Rückzugsmöglichkeiten die Hügel der Toskana entdeckt. Neben Eckhard Henscheid, berühmt geworden Ende der siebziger Jahre mit seiner "Trilogie des laufenden Schwachsinns", ist auch der Dichter und Zeichner Robert Gernhardt Mitarbeiter des Satiremagazins "Titanic". Er hat das Gerede der Besserwisser aus den sechziger, siebziger Jahren satt, verliert darüber aber nicht den Humor. "Ich ich ich" lautet der Titel seines satirischen Romans, der 1982 erscheint, als Helmut Kohl und die CDU an die Regierung kommen. Was keiner wissen kann: Kohl wird sechzehn Jahre lang an der Macht bleiben. Der Generation, die sich nach den Straßenkämpfen dem sanften alternativen Leben zuwendet, hat Gernhardt 1986 noch sein Theaterstück "Die Toskana-Therapie" hinterher geschickt. In den achtziger Jahren lernt das kleine betroffene Ich, das keine neuen Schlachten mehr schlagen möchte, seine ganz eigenen Bedürfnisse zu äußern. In Österreich meldet sich die verdrängte Vergangenheit in der Gegenwart zurück. 1986 wird Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt. Waldheims Rolle im Dritten Reich und seine Aussage, er habe in der deutschen Wehrmacht nur seine Pflicht erfüllt, hilft ihm, die Wahl zu gewinnen. Die Kriegsgeneration solidarisiert sich mit dem Kandidaten. Der Schriftsteller Josef Haslinger spricht von einer "Politik der Gefühle", die an die Stelle politischer Argumente getreten sei - eine Strategie, die sich der Rechtspopulist Jörg Haider in den neunziger Jahren zunutze machen wird. 1988 führt die Uraufführung von Thomas Bernhards Stück "Heldenplatz" über den Anschluß Österreichs im Jahr 1938 zum größten Theaterskandal in der Geschichte Österreichs. Zwischen Pessimisten, Humoristen und Friedensaktivisten, zwischen wahrer Kunst, armer Natur und sozialem Biedermeier grübelt mit wildem Gemüt der junge Schriftsteller Rainald Goetz in München. Er studiert Medizin und Geschichte und schreibt an einem Roman. Als er 1983 erscheint, ist Goetz 29 Jahre alt. "Irre" ist der Roman des Jahrzehnts. In ihm geht es um die Psychiatrie und vor allem um die blinde Vernunftgläubigkeit der sechziger und siebziger Jahre, die von der Wirklichkeit nur schale Begriffe, vom Ich nur ein leeres Verstandeswrack übrig gelassen hat. Doch die Vertreter der Antipsychiatrie-Bewegung, die alle Irrenanstalten öffnen möchten, sind für Goetz nur das entgegensetzte Extrem. Sie ersetzen die Vernunftgläubigkeit durch eine Ideologie des Wahnsinns, durch die der Eigenwille in einer verwalteten und kaputten Welt bewahrt werden soll. Goetz schickt seinen Helden durch die Wirklichkeiten der psychiatrischen Kliniken und lernt dabei einen neuen Realismus. Diesem Realismus wird Goetz durch die Jahrzehnte treu bleiben. Er vollzieht in der deutschen Literatur als erster die radikale Wendung von der Kritischen Theorie zur Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann. Programmatisch ist Goetz' Satz in "Irre", daß er die Wirklichkeit der Wirklichkeit ernstnehmen möchte: "Nichts ist so phantastisch überwältigend wie das Authentische, nichts so unglaublich wie die wirkliche Wirklichkeit." Für die Jugend stellt sich die Wirklichkeit anders dar als für die etablierten älteren Generationen. 1980 gehen die Jugendlichen der Schweiz auf die Barrikaden. Sie kämpfen gegen eine einseitige Kulturpolitik und für ein autonomes Jugendzentrum in Zürich. Nach der Premiere des Dokumentarfilms "Züri brännt" kommt es zu Plünderungen in der Zürcher Innenstadt. Doch aus dem Selbstverwaltungsexperiment, das die Demonstranten schließlich durchsetzen, wird bald ein Sozialasyl für Drogenabhängige und Obdachlose. Die Revolte aus der "No-Future-Generation" erstickt an den eigenen Voraussetzungen. Die junge Szene findet ihre Zugänge zu einer veränderten Wirklichkeit auf neuen Wegen. 1985 wird die Szenezeitschrift "Tempo" gegründet. Sie räumt nebenbei mit dem altforschen Humor der "Titanic" auf: "Eigentlich war Tempo ein ethnologisches Fachblatt. Der Gegenwartsforschung verschrieben, versuchte die Redaktion jene Dinge dingfest zu machen, auf die man in zehn oder zwanzig Jahren hochvergnügt mit dem Finger zeigt, weil sie Inbilder der Zeit geworden sind", erinnert sich der Schriftsteller Peter Glaser. Maxim Biller schreibt bis 1996 in jeder Ausgabe seine Kolumne "100 Zeilen Haß". "Ich hielt mich abseits, kein Angreifer, kein Verteidiger. Doch ich wußte, wen ich haßte: Diese 70er-Jahre-Apo-Klonen", resümiert Biller seine "Tempo-Jahre". Die Musikzeitschrift "Spex" wird neben "Tempo" zum Organ eines Zeitgeists, der sich auf die Seite einer Kunstform schlägt, die man "erleben" muß: die Popmusik. "Der Popintellektuelle", sagt Biller, "weiß nichts und er erlebt nichts, nicht einmal demonstrieren tut er: Er hört nur Musik ." Das Erleben hat sein eigenes Tempo und seine eigenen Medien. Tonträger, Musikvideos, Fernsehen, Zeitschriften gehorchen eigenen, medialen Gesetzen. Die wachsende Subkultur der achtziger Jahre, die erst im kommenden Jahrzehnt die Literatur prägen wird, hat keine Berührungsängste und klammert sich nicht an altbackene Vorstellungen von hoher und niedriger Kultur. Sie kennt die Fernsehserien und erfährt die Welt als eine der Simulationen, in der man nicht mehr weiß, wann die Wirklichkeit beginnt und die Bilder aufhören. Den Colt des Antifaschismus und den billigen Schwur auf die Demokratie legt sie ad acta. Sie regt sich über die sozialdemokratischen Wattebäusche ebenso auf wie über die Gesten der Großkünstler und beginnt zu ahnen: der Schein der Moden bestimmt das Bewußtsein. Die Musiker der "Neuen Deutschen Welle" schreiben den Dilettantismus auf ihre Fahnen und rücken mit neuen deutschen Texten an: "Komm wir lassen uns erschießen", schmettert verzweifelt fröhlich die Gruppe Ideal, "Tanz den Mussolini, tanz den Adolf Hitler, beweg deinen Hintern, und tanz den Jesus Christus", schlägt DAF vor. Thomas Meinecke spielt in der Gruppe "Freiwillige Selbstkontrolle", ist Radio-DJ und schreibt für die Zeitschrift "Mode & Verzweiflung". In der ZEIT veröffentlicht der junge Popkünstler "aktuelle Kurzgeschichten" im Stil von Zeitungsmeldungen. Unter dem Titel "Mit der Kirche ums Dorf" erscheinen sie 1986 als Buch. "Einmal abschalten können" berichtet von den Nöten eines Museumswärters, der in der Abteilung Zeitgenössische Kunst, unter den Kollegen kurz Idiotenabteilung genannt, Dienst tun muß. Nach einiger Zeit kann er die "Non-stop-Schau der aktuellsten New Yorker Kunstvideos" nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Er sehnt sich nur noch danach, endlich einmal abschalten zu können. Darum beschließt er, auf den Rummelplatz zu gehen und mit UFO, einem Hochgeschwindigkeitskarussell, ein paar Runden zu drehen. Doch UFO ist kaputt, es läßt sich nicht mehr abschalten. So beginnen die neunziger Jahre.
Pressestimmen"Die Literatur passt nicht in den Sarg eines Kanons", heißt es programmatisch im Vorwort der Herausgeber. Die Produzenten von Kanon-Kassetten und Literaturgeschichten, so wird argumentiert, dächten nicht an den "leidenschaftlichen Leser". Der nämlich möge weder den "radikalen Beschnitt" durch die Kanonisten noch die germanistische "Landschaftsgärtnerei", bei der man den poetischen Wald nicht mehr vor interpretatorischen Bäume sehe. Stattdessen wird hier eine andere Form der Vermittlung gewählt: das Lesebuch. Äußerlich ist es so großformatig und dick wie ein Schullesebuch aus Kindertagen, aber der Inhalt hat nichts mit Pflichtlektüren von ehedem zu tun. Literatur, postulieren die Herausgeber, müsse "bleibenden schönen Schaden" anrichten beim Aufstand gegen die "Planierungen der Realität" im Medienalltag, beim "Wühlen durch die Zumutungen der Wirklichkeit". Das ist der Blickwinkel, und er bestimmt die Auswahl der etwa hundert aufgenommenen Texte. Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb, ein Schriftsteller und ein Kritiker, gehören der mittleren Generation der 40-jährigen an; sie kommen "als Leser der Gegenwartsliteratur aus den achtziger und neunziger Jahren". (...) Die Zugänge zur Literatur sind zahllos, und einen Königsweg gibt es nicht. Auch Lesebücher haben ihre Nachteile. So sind die Dichtungen - sieht man von der Lyrik ab - nie vollständig wiedergegeben. Man bekommt Kostproben vorgesetzt. Kaum ist nach drei oder vier Seiten der Appetit zum Weiterlesen angeregt, ist schon Schluss, und es folgt ein weiteres fragmentarisches Stück von einem anderen Autor. Aber das liegt in der Natur der Sache. Inventur will Hinweise geben und zur Lektüre der Romane und Dramen selbst anregen. Nicht nur Dichtungen wurden aufgenommen, sondern auch einige Briefe und Essays von zeitkritischen Stichwortgebern aus Philosophie und Soziologie wie Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Niklas Luhmann und Hans Blumenberg. (...) Die Leser werden in einen Wirbel gegensätzlicher Positionen, unterschiedlicher Schreibweisen, voneinander abweichender Stile einbezogen, auch wenn die Themenkreise sich überschneiden und durch die Zeitgeschichte vorgegeben sind. Im Abschnitt über die ersten Nachkriegsjahre mit dem Titel In den Wohnungen des Todes liest man bei Ernst Jünger über die "lähmende Mutlosigkeit", der er zu erliegen droht; Hermann Broch sinnt im unsterblich schönen Anfangskapitel vom Tod des Vergil über das Sterben nach; Nelly Sachs reflektiert über die "Geretteten, aus deren hohlem Gebein der Tod schon seine Flöten schnitt"; Hans Erich Nossack hat noch "das heulende Rauschen der abgeworfenen Bomben" im Ohr; Ernst Kreuder klagt über die "Unauffindbaren" und "Verschwundenen", und bei Ilse Aichinger "träumen Kinder von der Auswanderung nach Amerika". (...) Jeder wird in der Anthologie die Namen einiger Autoren vermissen. Aber darüber sollte man nicht vergessen, wie viel hier wiederentdeckt und neu vergegenwärtigt wurde. (...) Nichtsdestoweniger liegt hier eine Anthologie vor, die für jede Generation eine Fülle von schönen, erhellenden und provokativen Dichtungen versammelt. Man wünscht dem Buch viele Auflagen, wodurch in Zukunft noch einiges ergänzt werden könnte. Der Band ist auch ein gutes Argument gegen das Vorurteil von der "einfach schlechten" oder "langweiligen" deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Das ist ein Lesebuch, wie man es sich zur Schulzeit gewünscht hätte und das man jemandem schenken möchte, mit dem man gern über Literatur spricht.
Paul Michael Lützeler: "Wo sind wir jetzt?" Die Zeit, Literaturbeilage, 9. 10. 2003
Man geht an die Documenta, man geht zur Biennale, und wir würden gewiss auch hingehen, wenn, sagen wir, Bice Curiger unter dem Titel "Feelings" den Wandel des politischen Körpergefühls in der deutschsprachigen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg ausstellen würde. Die Ausstellung würde zum Must, und alle Besucher würden sich wechselseitig von ihren Lieblings-Körpersätzen zu überzeugen versuchen. Die Harten wären für Heiner Müllers "Man sollte die Weiber zunähen, eine Welt ohne Mütter". Die Weisen für Unica Zürns "Ein Schlüssel nach dem anderem wird in ihr herumgedreht, und sie öffnet sich nicht". Auch Volker Brauns "Die Finger waren älter als ihr Gesicht" hätte Zuspruch. Und im Auffinden des politischen Drehs an solchen Sätzen fände das Gespräch in hermeneutische Höhen. Wir würden auch hingehen, wenn, sagen wir, Christoph Marthaler Stefanie Carps Textcollage "Sehnsucht: Avantgarde - Après-guerre - Romantik" inszenieren würde. Und wieder gäbe es den Wettbewerb der Sätze. Hält man es mit Benn: "Die Damen unbefriedigt / wenn ihre Sehnsucht Gewicht hätte / wöge jede drei Zentner." Mit Sarah Kirsch: "Die vielen Himmel über / Sehr flachem Land! Im ersten / Fliegen die Elstern, im zweiten // Hochfahrende Wolken. Der dritte / Für Lerchen. Im vierten / Sah ich ein Flugzeug stehn. // Aus dem fünften funkelt der Stern." Oder mit Paul Celan: "Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde." Und erst recht könnten wir mit Hingehen kaum warten, wenn, sagen wir, Alexander Kluge wieder einen richtigen Film drehen würde, mit seiner Schwester und dem Titel: "Kriegsatzkrieg. Deutscher Autoren Krieg". Endlich sähen wir wieder Alexandra Kluge in einem Satz von Ilse Aichinger: "Sie rannte zwischen Kanonen, Ruinen und Leichen, zwischen Lärm, Unordnung und Gottverlassenheit, und schrie leise vor Glück." Und hörten sie als Nelly Sachs. "Wie Geretteten / Aus deren hohlem Gebein der Tod schon seine Flöten schnitt, / An deren Sehnen der Tod schon seinen Bogen strich - / Unsere Leiber klagen noch nach / Mit ihrer verstümmelten Musik." Diese Ausstellung, diese Inszenierung, diesen Film gibt es nicht. Aber es gibt, immerhin, den Katalog, das Programmheft, die Dokumentation dazu, erschienen unter dem Titel "Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 - 2003" letzten Herbst im Hanser-Verlag, darin all die zitierten Sätze und noch viele hundert dazu samt historischen Einleitungen und Kurzbiografien der Autoren stehen. Nun liest leider niemand freiwillig Lesebücher. Dieses jedoch ist ein exquisites intellektuelles und ästhetisches Vergnügen; wer mit ihm lebt, erneuert aufs Schönste sein Verhältnis zur neuen deutschen Literatur - und ein wenig auch jenes zu sich selbst und seiner Leserlebensgeschichte. Er wird Neues finden, sehen, was er übergangen, missverstanden oder verkannt hat. (...) So gerät man als Leseflaneur von einer Überraschung zur anderen. (...) So liest man und bildet Gruppen: die Melancholiker mit Huchel, Bobrowski und Kreuder. Die Hochgeknöpften mit Wilhelm Lehmann, Reinhold Schneider und Heinrich Mann, den die Herausgeber aber sträflicherweise ausgelassen haben. Die Jahrgangsnachbarn, die sich bestimmt nicht leiden konnten: "Christa T." und "Jakob der Lügner" von 1969. Man verharrt in lange nachwirkenden Bildern: in Herta Müllers Überwachungsprosa und vor Kafka, wie Martin Walser ihn in seiner Doktorarbeit schilderte. Man findet, dass Thomas Bernhard österreichischer war, als es ihm recht sein kann, als er den Teilabdruck seiner Werke testamentarisch untersagte, und setzt sich zum Schluss mit dem unersetzbaren Hermann Burger in die Kronenhalle aus "Menzenmang", liest weiter in diesem traumhaft suggestiven Lesebuch - und wartet auf das nächste, das die Herausgeber in Arbeit haben: ein Lesebuch der deutschen Debatten nach dem Krieg. Andreas Isenschmid: "Was aus den Menschen geworden ist" Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 11. 1. 2004 |
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