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Norbert Niemann Carl Hanser Verlag, München 2001, 320 S., geb., 19,90 EUR weitere Ausgabe:
Frank Beck, 38, ist geschieden und Vater einer zwölfjährigen Tochter. In seinem Beruf als Deutsch- und Geschichtslehrer an einem Gymnasium fühlt er sich ausgebrannt. Gegenüber seine Schülern wächst seine Unsicherheit. Nur Nadja, die kluge und unerreichbare Siebzehnjährige, strahlt eine so selbstgewisse Ruhe aus, daß Beck sich angezogen und zugleich irritiert fühlt. Nach und nach nähern sie sich einander an. Doch was wollen Beck und Nadja überhaupt voneinander? Für alle anderen ist die Sache klar. Das Gerücht von einem heimlichen Verhältnis zwischen Schülerin und Lehrer geht um. Nach ersten anonymen Drohungen beginnt die Gewalt zu eskalieren. "Schule der Gewalt" ist ein Roman, der ins Herz unserer Gegenwart stößt. Diese Geschichte einer unmöglichen Liebe ist zugleich das genaue Bild unserer heutigen Gesellschaft. Gewalt durchdringt die Welt immer mehr, Gewalt im Alltag, in den Fernsehbildern, in den weltpolitischen Konflikten. Zwischen den Generationen ist eine Verständigung offenbar unmöglich geworden. Beck verzweifelt daran, daß die Schüler, denen er Tag für Tag gegenübersteht, für ihn aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Er versteht sie nicht, nicht ihre Rituale, nicht ihre Sprache. Aber vielleicht ist es möglich, Sprachlosigkeit durch Liebe zu überwinden? Der Roman "Schule der Gewalt" geht den Verwerfungen einer sich verändernden Wirklichkeit kurz vor der Jahrtausendwende nach. TextauszugHallo. Ich bins. Nadja. Wollte nur mal kurz guten Tag sagen. Ist ja abgefahren, das. Hab ein bißchen drin gelesen. Und dir, wer immer du bist und welche Rolle du hier eigentlich genau spielst, was so kompliziert auch wieder nicht ist, wie Frank glaubt. Also, dir wollte ich mal stecken, nur damit du Bescheid weißt, der Mann ist voll okay. Ich jedenfalls kenne keinen netteren, wahrscheinlich auch keinen besseren Lehrer. Mach dir das bitte irgendwie klar, wenn du dazu überhaupt imstande bist. Und ihm auch. Und außerdem soll er mit dem hier unbedingt weitermachen. Ich kann zwar nicht erklären warum, und schon gleich gar nicht wozu, aber ich bin sicher, es ist wichtig. Das wars. Viele liebe Grüße! P.S.: Mir geht es übrigens glänzend.
Das hat wirklich sie geschrieben. Ob dus glaubst oder nicht. Sie saß an meinem PC mit meiner Strickjacke um die Schultern, und ich mußte solange Richtung Fenster schauen. Darfst du erst lesen, wenn ich mindestens eine halbe Stunde weg bin, hat sie befohlen. Und ich habe mich brav dran gehalten. Natürlich entspreche ich auch ihrer zweiten Bitte. Es geht also weiter mit der Chose. Hast du gehört, Nadja? Tja, was sagst du dazu. Da kommt doch gleich ein ganz fremder Ton ins Spiel, wie, das produziert sofort ein neues Gefühl. Nadja ansprechen, direkt, hallo, liebe Nadja, alles in Ordnung? Nicht mehr nur in diese Leere hineinquengeln, dein ewiges feistes Schweigen. Nun rückst du also endgültig in den Hintergrund. Du bist schon kaum mehr zu erkennen da hinten, in deiner Schmollecke. Beruhige dich, das war kein Lachen aus Schadenfreude. Siehst du, ich kümmere mich doch um dich. Es herrscht eben einfach ein anderes Klima jetzt, daran wirst du dich gewöhnen müssen. Etwas zu heiß vielleicht für jemand wie dich, weshalb du wohl auch dort im Schatten sitzt. Aber ich fühle mich großartig hier vorne. Sozusagen in der blendenden Sonne. Die Fenster sperrangelweit offen, Licht flutet herein, ich bade förmlich darin. Wissen, daß sie von heute an in erster Linie für Nadja stattfinden, diese Versuche. Aus Überlebensgründen, um es mal ganz direkt, ganz ungeschützt, meinetwegen vielleicht auch etwas sehr pathetisch zu sagen. Nicht mehr vergebens für mich, diesen, wie ich endlich weiß, hoffnungslosen Fall, nehme ich die Anstrengung in Kauf. Sondern für einen Menschen, den ich auf gewisse Art und Weise liebe. Jawohl, liebe, das kann ruhig so stehenbleiben, deinen notorischen Fehldeutungen zum Trotz, die können mich nicht mehr einschüchtern. Nadja versteht das nämlich im Gegensatz zu dir vollkommen richtig. Außerdem, und das ist eigentlich das Schönste, bereitet es mir inzwischen so eine Genugtuung, vor dem Schirm hier zu sitzen. Ein weiterer Licht- und Wärmequell, Mensch. Den noch immer schmerzenden Fuß hochgelagert, die Fingerspitzen fliegen übers Keyboard, und ich explodiere, der Saft kocht mir über. Raus mit ihm. Wie das war für mich, als sie plötzlich vor der Tür stand? Ich hatte gerade aufbrechen wollen zum Laufen, steckte bereits im Jogging-Dress. Und Nadja hatte Blumen dabei, einen riesigen Herbststrauß. Chrysanthemen, Astern, glaube ich, auch rote Rosen darunter, er wirkte auf jeden Fall sehr bunt. Um so mehr, als sie selbst, sozusagen als Bildhintergrund, einfarbig angezogen war. Dunkelblaue Kordhose, dunkelblaues weites Sweatshirt mit etwas hellerem Schriftzug. Bodytalk stand drauf, wenn ich mich recht erinnere. Mit den immer noch sehr kurzen Haaren sah sie darin wie ein, allerdings ausgesprochen hübscher Junge aus. Ob ich die von ihr annehmen würde, so ihre ersten Worte nach einer endlosen Minute verlegenen Schweigens, Räusperns, Hüstelns. Als Dank, doch, doch, für die Hilfe, ja, Hilfe, neulich, bevor sie ins Krankenhaus mußte, bitte, da. Und schon war sie vorbei an mir und drin in meiner heillos verwahrlosten Wohnung. Drehte eine Runde, schaute sich um, ich sah ihr von der Schwelle aus hinterher, sprachlos, die Blumen im Arm. Meine überall verstreute schmutzige Wäsche, das Dutzend leere Weinflaschen, oh Gott, benütztes Geschirr an allen Ecken und Enden und der mit Zeitungsausschnitten und Manuskriptblättern übersäte Schreibtisch. Krankenhaus, stammelte ich, was, wieso Krankenhaus, als auch ich wieder in der Lage war mich zu bewegen und ihr ins Zimmer folgte. So lebst du also, Nadja zeigte auf das Papierchaos, kaum daß ich bei ihr war, wollte auch gleich wissen, was ich da mache. Schreibst du, ich meine, ernsthaft, Roman oder Geschichtsbuch oder so etwas. Um Himmels willen, erwiderte ich und ruderte mit der freien Hand in der Luft, Notizen, rein privat, eine Marotte, sie soll sich doch irgendwo hinsetzen. Nadja wählte den Arbeitssessel, fegte Socken und Unterhosen kurzerhand von der Sitzfläche und ließ sich dann hineinplumpsen. Kippte auch sofort im Stuhlgelenk nach hinten, legte die Füße auf den niedrigen kleinen Beitisch, über die aufgeschlagenen Bücher, die Materialmappen aus bunter Pappe, die losen Notizblätter, herausgerissenen Zeitungsseiten. Tatsächlich exakt so, wie ich selbst oft dasitze. Sie lächelte, zog dazu wie immer leicht die linke Augenbraue hoch. Wahnsinnsplatz, Blick nach draußen, Himmel, sagte sie. Und ich, der ich nach wie vor ganz verdattert mit diesem enormen Blumenstrauß vor ihr stand, bat sie nun in einem Atemzug, mir zu sagen, was sie trinken möchte, aus welchem Grund sie hierhergekommen ist, woher sie eigentlich weiß, wo ich wohne. Milchkaffee, wenn du hast, und, aus keinem bestimmten, und, ist doch ganz einfach rauszufinden sowas, gab sie betont gelassen zurück. Schwang im Takt dazu sogar leicht auf dem Drehsessel hin und her. Also riß ich schnell noch die Fenster auf, verschwand fürs erste in die Küche. Ich war mir natürlich im klaren darüber, daß sie sofort beginnen würde, in den ausgedruckten Seiten herumzulesen, kaum hatte ich ihr den Rücken gekehrt. Hatte auch kurz überlegt, ob ich sie beiseite räumen sollte. Meine Intimsphäre vor einer Schülerin zu schützen, wäre schließlich nur recht und billig gewesen. Doch insgeheim hoffte ich sogar ein bißchen auf ihre jugendliche Neugierde. Aus irgendeinem Grund überwog diese Hoffnung selbst die keineswegs geringe Verlegenheit, die ich wegen der zum Teil ja durchaus prekären Passagen darin, meine wirren Empfindungen in bezug auf Nadja, natürlich ebenfalls aufsteigen spürte. Ich horchte also auf das leise Rascheln des Papiers im Wohnzimmer, während ich nach und nach den Kaffee aufgoß. Ich ließ mir Zeit. Soll sie sich nur in aller Ruhe ihr Bild machen, dachte ich, soll sie getrost erfahren, wie es um meine Gemütsverfassung steht in dieser ganzen Sache. Der Gedanke setzte sich immer deutlicher durch. Ich weiß selbst nicht, woher plötzlich dieser Mut gekommen war. Weil ich nichts zu verlieren hatte oder weil ich den Knall regelrecht herbeisehnte, der zu einem definitiven Bruch zwischen uns führen würde? Damit der Spuk vorbeiging? Ein für allemal? Als ich zuerst mit der größeren meiner zwei Vasen, die für Nadjas Strauß immer noch viel zu eng war, so daß ich den Rest auf zwei Bierkrüge verteilte, und dann mit dem Tablett zurückkam, auf dem das frisch gespülte Kaffeegeschirr klapperte, schnüffelte sie jedenfalls ungeniert weiter in meinen Aufzeichnungen herum. Was ist das denn, fragte sie, ihre Stimme klang erstaunt, aber keineswegs erschrocken. Klar, meine Nerven waren etwas angespannt. Trotzdem und unabhängig davon verflüchtigte sich angesichts ihrer Unbefangenheit jetzt auch bei mir der letzte Anflug von Scham. Gar nichts war auf einmal noch peinlich, keine Sekunde dachte ich daran, Nadja könnte von irgend etwas in diesen Skizzen erschreckt, verletzt, abgestoßen sein. Das ist ja das Tolle gewesen, verstehst du. Ich hatte nicht die geringste Furcht, nicht vor ihrem Blick, als sie schließlich von den Blättern auf und mir ins Gesicht sah, vor nichts, was hinter diesem Blick hätte verborgen sein können. Statt dessen beherrschte mich auf einmal ein Gefühl intensivster Anwesenheit. Eine Art umfassender Gegenwärtigkeit. Jedenfalls dermaßen total, daß es gleichzeitig auch war, als würde ich aus aller Zeit herausfallen. Und du, was ist mit dir, fragte ich zurück, und meine Stimme klang in meinen eigenen Ohren, wie soll ich das ausdrücken, fast wie aus einem Science-Fiction-Film. Was ich damit sagen will, mir erschien von nun an überhaupt alles in eine ganz abstruse, dabei alles andere als unangenehme Atmosphäre von irrealer Künstlichkeit getaucht. Ich bildete mir zum Beispiel plötzlich ein, Nadjas Gedanken lesen zu können. In der Tat. Etwa als sie aufstand, sich vor mich hinstellte und mich ausgiebig von oben bis unten musterte, da war es mir wirklich, als hätte ich ganz genau im voraus gewußt, daß sie das tun würde. Dazu ihr Lächeln, auf diese zugleich offene und beherrschte Nadja-Art, das ich ohne Zögern erwiderte. Es war wirklich wie ein Gespräch. Alles ausgesprochen, was in diesem Augenblick zu sagen, was andererseits durch Worte gar nicht auszudrücken war. Als ob wir auf eine höhere Verständigungsebene gehoben wären, kannst du mir folgen? Telepathisch, komplex. Im Ernst, genau so fühlte sich das an. Hast du eine kurze Hose oder sowas für
mich, sagte Nadja und stierte auf meinen Bauch, im großen und
ganzen taugen meine Turnschuhe hier zum Joggen ganz gut. Sie kann das nämlich bestätigen, richtig, die bestätigt es im Grunde schon allein dadurch, daß ich es hinschreibe. Ist das nicht phantastisch? Ha, sie ist ja meine permanente Zeugin ab jetzt, und du kannst sie jederzeit aufrufen. Hast du gehört, dahinten in deinem Schattenwinkel? Sie ist der Beweis, es gibt einen Menschen hier, die Rechtfertigungen haben ein Ende. Sag ihm, was er wissen will, Nadja, was er sonst offenbar nicht glaubt. Andererseits, dieses Zutrauen von ihrer Seite berührte mich, das natürlich schon. Wo sie sich doch aus meinen Notizen zusammenreimen konnte, wie verworren mein Verhältnis zu ihr tatsächlich war. Und natürlich wühlte es mich auf, dieses beängstigend junge Mädchen, das mir ja trotz allem ganz und gar fremd war, plötzlich halb nackt in meiner Wohnung stehen zu sehen. Doch auch dies schien sich ihr glasklar, völlig selbst- und unmißverständlich mitzuteilen. Nichts blieb im verborgenen, ihr sozusagen die Natur meiner Erregung nicht, mir nicht ihr Wissen darum. Als ob sich zwei auf den Grund ihrer, lach du ruhig, ihrer Seelen durchsichtige Wesen gegenüberstehen würden. Zumindest zu diesem Zeitpunkt. Und Nadja billigte, was sie dort sah. Ich war, ich bin mir sicher. Ich weiß es. Und dann liefen wir los.
PressestimmenDem Restaurator Peter Schönlein in Niemanns Debüt Wie man's nimmt (1998) beim Leiden und Fehlermachen zuzusehen, war reine Nervensache. Nun, in der Schule der Gewalt , steht es um den Lehrer Frank Beck nicht besser. Immerhin weiß Beck ziemlich genau, weshalb er leidet. Er sehnt sich nach einer verbotenen Frucht, nach seiner siebzehnjährigen Schülerin Nadja. Aber Niemann ist kein Nabokov, und er will es auch nicht sein. Seinem deutschen Lehrer fehlen Eloquenz und Leichtigkeit, und Nadja ist auch kein kokettes Luder, sie ist mit sich beschäftigt, anwesend, aber vollkommen unerreichbar, wie die anderen Schüler auch. (...) Norbert Niemann erfindet für seinen Lehrer ein Gegenüber, einen Mephistopheles im auberginefarbenen Maßanzug, der Franks Gewissen dirigiert und malträtriert. Dieser Mephistopheles ist da, wenn er seinen Bildschirm anschaltet. Die leuchtende Fläche plustert sich zum Teufel oder zum Gewissen auf, stiftet Unruhe, und der unordentliche deutsche Lehrer fragt ganz goetheanisch, ob sich vielleicht doch "Tiefe" in dem Schattenbild versteckt. "Habe nun ach ...", das ist sehr gut und listig gemacht. (...) Niemann stemmt ein aktuelles Thema, das uns beschäftigt, wenn Gerhard Schröder ein Machtwort gegen "Kinderschänder" spricht oder wieder ein Schüler ein Blutbad anrichtet. Der vierzigjährige Autor greift nach diesem Zündstoff, mischt sich in die hilflos geführte Diskussion über missratene Kinder und missratene Eltern, führt einen Kampf und hat eine Botschaft. Das Buch zeigt, wie Gewalt wächst, in Sekunden, in Angriff und Vergeltung. (...) Glanzstücke des Romans sind die mitreißenden, in einem beängstigend langsamen Tempo gehaltenen Beschreibungen der Gewalteskalationen. Und dann sind da noch die Ferientage, die Frank mit seiner Tochter Luzie verbringt. Eben noch Vater, Kind und Einigkeit, dann der Absturz und der Eintritt in die Kluft zwischen den Generationen. Wedekind führte in Frühlings Erwachen die Epoche der Bigotterie vor, Niemann zeigt in Schule der Gewalt , dass sich zwar Vornamen, Kleider, Sprache, Cliquenverhalten verändert haben, die verletzliche Seele aber nicht. Vier Jahreszeiten vergehen vom Sommer 1998 bis zum Frühjahr 1999. Im Januar 2000 kam "American Beauty" in die Kinos. Der Film federt das Verlangen des amerikanischen Familienvaters nach der Freundin der Tochter durch schöne Bilder ab. Niemann insistiert auf dem ausweglosen Selbstgespräch mit einem imaginären Gegenüber. Der skrupulöse, einsame, traurige Deutschlehrer schaut und schreibt. Der Autor hat kein Mitleid mit ihm. (...) Norbert Niemann ist ein Charakterbild gelungen. Das "Reale" missachtend, erlebt Frank Beck, wie das "Reale" ihn einkreist und zurichtet. Er ist weinerlich, neugierig und in allem das Gegenteil der "coolen Helden", die das Fernsehen produziert. Er ist nicht aus Plastik, er ist aus dem gleichen Stoff wie wir.
(Verena Auffermann: Heiß hinter kaltem Blick. Süddeutsche Zeitung, 18./19. 8. 2001)
Norbert Niemanns "Schule der Gewalt" riskiert viel. Der Autor scheut sich nicht, Fragen zu stellen, die in der süffigen und gut funktionierenden deutschen Gegenwartsliteratur gemeinhin so nicht gestellt werden: grundsätzliche Fragen nach Politik und Gesellschaft, nach der Entfremdung des Individuums in der Kommunikationsindustrie, nach der Sozialisation unter entfesselten medialen Bedingungen: Mit diesem, fast ist man versucht zu sagen: Erkenntnisinteresse stellt sich Niemann, Jahrgang 1961, gleich freiwillig in die Ecke, in die Ecke von Pop, Fräuleins und den Dandys der Erbengeneration. (...) Am Anfang des Romans kommt es zu einer Schlüsselszene, einer allegorischen Situation: Beck leitet seit drei Jahren eine Theater-AG, ohne dass es jemals zu einer Aufführung gekommen wäre - sämtliche Stücke, die Beck vorschlägt, sind den Schülern zu fern oder unverständlich oder langweilig, aber die Theater-AG scheint ihnen dennoch äußerst wichtig zu sein. Zwischen all den Improvisationsübungen und kleinen Spielszenen, bei denen es immer geblieben ist, glaubt Beck endlich, mit Wedekinds "Frühlings Erwachen" den großen Trumpf auszuspielen: das würde die Lebenssituation dieser Pubertierenden und Frühreifen und Kindlich-Erwachsenen doch wohl irgendwie treffen. Sie finden aber, das seien längst vergangene Zeiten, alles völlig überholt. Und beim nächsten Mal überrumpeln sie ihn mit einer kleinen Inszenierung: Melchior und Wanda, die Hauptfiguren aus "Frühlings Erwachen", werden dabei in einen aktuellen Bezugsrahmen gestellt. Sie jagen offensiv jener sexuellen Freizügigkeit nach, jenen pronographischen und obszön-perversen Versuchsanordnungen, die im Pay-TV und im Videoladen an der Tagesordnung sind. Die Schüler müssen dabei allerdings offenkundig diverse Hemmschwellen überwinden. Beim Aussprechen von Wörtern sind sie noch ganz forsch. Aber wenn es ums Darstellen geht, wirkt alles eher scheu und unbeholfen. Beck merkt: sie führen ihm jenes Zerrbild vor, das er wohl von ihnen im Kopf hat. Und sie wollen ihm damit einen Gefallen tun, die Sprachlosigkeit zwischen ihnen auf diese Weise durchbrechen. Mit dieser Szene gelingt es Niemann, sein Thema so vielfach gegeneinander zu spiegeln, dass alles zugleich deutlich und völlig unklar wird. (...) Man kann die Versuchsanordnung dieses Romans nacherzählen, die Ausgangsituation, Was ihn allerdings ausmacht, die Sprache und die Verschränkung der Ebenen, ist nicht zu paraphrasieren: eine wesentliche Bedingung für das genuin Literarische. Norbert Niemann hat versucht, eine literarische Form für den Einbruch der Medien in die Wahrnehmung von Wirklichkeit zu finden, und er verbindet das mit einer spezifischen Generationsproblematik - ein Zusammenhang, der zwingend dargestellt wird. (...) Grundthema des Buches ist die Leere, die entfesselte Medienproduktion hinterlässt: die Kommunikationsmaschinerie vernichtet paradoxerweise die Möglichkeit zur Kommunikation. Es entsteht eine stumme Sprache: Beck durchläuft die "Schule der Gewalt". Die Cliquen auf dem Pausenhof, die Beck beobachtet, die Riten, in die er durch Nadja ein bisschen eingeweiht wird, die üblichen Ausgrenzungen mit plötzlichen irrationalen Gewaltausbrüchen: langsam baut sich etwas auf, das ihn dann selbst betrifft. Durch den Kontakt mit Nadja gerät Beck hinein in diese Spirale der Nichtkommunikation und Gewalt, er bringt das Gefüge der Jugendlichen durcheinander und wird zum Objekt ungebundender, frei fluktuierender Kräfte. Die Brüche, das Unaufgelöste machen den Reiz des Buches aus. Nach seinem erstaunlichen, erfolgreichen Debüt "Wie man's nimmt" vor drei Jahren ist Norbert Niemann mit "Schule der Gewalt" eine konsequente Fortschreibung gelungen: mitten hinein in jenen Punkt der Gesellschaft, den man immer mit "Herz" oder ähnlichen hilflosen Vokabeln bezeichnet hat und der nicht mehr so leicht zu orten ist.
(Helmut Böttiger: In der Kommunikationsmaschine. Der Tagesspiegel, 2. 12. 2001)
Heute leben wir in einer Welt, in der scheinbar über alles auf jede erdenkliche Art und Weise geredet werden kann, es gibt nichts, das nicht dargestellt würde, übersetzt in Worte, Bilder, Musik, Animationen, Warendefilees, Körperzeichen, neurotische Zwangshandlungen oder Gewalt. Jede Bewegung, jede Geste und Äußerung wird zuerst und viel zu oft ausschließlich auf Expressivität und Performanz geprüft, und es scheint nichts zu geben, das dieser Prüfung nicht standhielte. Trotzdem haben wir zunehmend das Gefühl, diese ganze riesige Maschine der Vermittlung könnte sich am Ende als ein Produktionsort des Negativen, von Leere erweisen. Norbert Niemanns zweiter Roman bewegt sich exakt in diesem Umfeld. Er spielt in einer Welt, in der die direkten Beziehungen zwischen den Menschen weitgehend ersetzt sind durch mediale Metakonstrukte, die eine Sprache vorgaukeln, wo es längst keine mehr gibt. Newsbericht und Erfahrung sind in der Regel zweierlei. Wer sich und sein Erleben im Spiegel der Bildschirme wiedezufinden sucht, muss leer ausgehen. Der Deutschlehrer Frank Beck, Hauptperson und Ich-Erzähler des Romans, erfährt sein Dasein als eine eskalierende Krise, deren Plot vom allgegenwärtigen Mainstream der Massenmedien vorgegeben wird. Obwohl er in einer Welt lebt, in der scheinbar über alles geredet werden kann, hat er das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen. (...) In dieser Situation nähert sich Beck die Schülerin Nadja. Es kommt zu einer sehr eigentümlichen, in ihrer dürstenden Unbeholfenheit anrührenden Beziehung. Beck und ihr gelingt für kurze Zeit das Wunder, eine gemeinsame Sprache zu finden. Dem Lehrer löst sich dadurch der anfängliche Adressat seiner Notizen, aus denen der Roman zusammengesetzt ist, auf. Statt des schemenhaften Über-Du des medialen Gewitters tritt ein konkretes, menschliches Du in seine Welt, die verletzliche junge Frau. Doch die Welt, in der dieses Wunder geschieht, wäre nicht unsere, wenn es Bestand haben könnte. An der verbotenen Affäre, die im eigentlichen Sinn gar keine ist, entzündet sich zum Ende des Buchs eine latent schon von Anfang an vorhandene Gewalt. (...) Nicht nur wegen der atemlosen Spannung, die den Leser über jede Zeile gefangen hält, oder wegen der hochmodernen, unmanierierten Erzählweise, auch aus einem anderen Grund zählt dieses Buch zu den wichtigstne Neuerscheinungen der letzten Zeit: Gemeinsam mit seinem Erstling "Wie man's nimmt" markiert es neben den Büchern Don DeLillos oder Michel Houellebecqs eine perspektivisiche Neuorientierung der Literatur. (...) "Es fühlt sich in der Tat an, als würde über dem Wundschmerz eine Tür aufgehalten. Als könnte man dadurch wenigstens einem Aspekt des Realen näher kommen. Nicht dem, wie die Relaität wirklich ist, aber wie sie einen zurichtet." Das spricht Beck gegen Ende des Romans in sein Diktaphon. Die Zurichtung, von der er spricht, kommt nicht von Außen, aus einem vermeintlich mittelalterlichen "Afghanistan". Sie ist hausgemacht, betrifft uns alle und geht von uns allen aus.
(Ingo Schramm: Die Suche nach dem Realen. Netzeitung, 4. 12. 2001)
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