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COOLNESS
Oder
Möchten Sie das Kälte-Wärme-Programm wirklich schließen?
"kälte ist mangel an wärme oder umgekehrt"
(Oswald Wiener)
1. Ist die Wirklichkeit kalt?
Ich lebe in zwei Welten, denn ich besitze einen Bio-Adapter. Ich kann
ihn an und wieder ausschalten. Gewöhnlich, genauer gesagt immer,
wenn ich nicht gerade selbst zu kommunizieren versuche, ist er angeschaltet.
Die Welt im Bio-Adapter ist mir durch und durch vertraut. Ich kenne die
Landschaften dort so gut wie die Eingeborenen. Mit ihren Bräuchen
und ihrer Sprache, den sozialen Milieus und den entsprechenden Jargons
finde ich mich problemlos zurecht. Die Geschichten und Schicksale, die
den Menschen dort widerfahren, sind mir meistens im voraus bekannt. Manchmal
werde ich überrascht durch winzige Verschiebungen in den Nuancen.
Dann freue ich mich. Bleiben die Verschiebungen aus, herrscht Alltag.
Ich habe gelernt, mit meinem Alltag umzugehen. Ich langweile mich nicht.
Die zweite Welt, in der ich mich ab und zu aufhalte,
wird traditionell die Wirklichkeit genannt. Darin kenne ich mich kaum
aus. Die Gegend ist mir nahezu unbekannt, die Menschen, denen ich dort
begegne, sind mir fremd. Ich beherrsche ihre Sprache nicht, das heißt,
sie benutzen dieselben Wörter, sie konstruieren Sätze so, wie
ich es aus dem Bio-Adapter gewohnt bin. Aber sie betonen irgendwie alles
falsch. Ihr Sprachstil überfordert mich.
Ich habe gelernt, aus dem, wie jemand spricht
oder schweigt, wie er sich dabei bewegt oder nicht bewegt, ablesen zu
können, wie er sich fühlt. Ich weiß schnell, was für
einen Typen ich vor mir habe. Ich kann mir ein Bild von den Zurichtungen
seiner Psyche machen, noch bevor ich erfahre, welche Sehnsüchte durch
welche persönlichen Katastrophen verletzt worden sind. Ich kenne
das Mischverhältnis seines Gefühlshaushalts. Wie cool der Typ
ist, ob er es bis zum bitteren Ende bleiben wird oder wie lange es dauert,
bis seine Coolness Risse bekommt, an welchen Stellen das geschieht und
was hinter ihnen zum Vorschein kommt: Das alles erschließt sich
aus der Art, wie mein Gegenüber die ersten Sätze spricht. Und
mir liegt sofort auf der Zunge, was ich darauf erwidern würde - wäre
ein Dialog im Bio-Adapter vorgesehen.
Draußen in der Wirklichkeit habe ich keine
Ahnung vom Gefühlsleben meiner Zeitgenossen. Ich gehe eine Straße
entlang und verbinde keine Vorstellungen mit den Existenzen, die in den
Häusern gelebt werden. Ich treffe Leute und weiß nicht, ob
sie cool sind oder pathetisch oder sentimental. Ich sitze stumm unter
stummen Menschen im Waggon einer U-Bahn, stehe in der Schlange an der
Kasse eines Supermarkts, höre Gespräche mit, kann mich an ihnen
beteiligen. Ja, meine Stimme gehört mit zur Inszenierung. Aber ich
kenne das Drehbuch nicht. Deshalb sage ich oft komische Sachen, die mich
selbst überraschen. Selbstverständlich gibt es auch in der Realität
Gefühle, ich kann sie spüren. Ich empfinde Menschen und Umgebungen
als freundlich, abweisend undsoweiter. Auch ich bin freundlich, abweisend
undsoweiter. Gelegentlich treffe ich Personen über längere Zeit
immer wieder. Dann werden die Gefühle stärker: Wir lieben oder
hassen uns. Wir bleiben uns gleichgültig. Auch meine Psyche hat wahrscheinlich
Zurrichtungen erfahren, die sich in meinen Verhaltensweisen zeigen.
Schalte ich den Bio-Adapter ein, kann ich sofort
beurteilen, ob die Realität, in der ich mich gerade aufhalte, kalt
oder warm ist. Eindeutig färbt sie auf den Charakter der Leute ab.
Im sogenannten echten Leben weiß ich nie, welche Temperatur die
Realität hat. Manchmal glaube ich, sie ist kalt, manchmal, sie ist
warm. Je nach dem, was mir begegnet und wie ich drauf bin, ich meine,
aus welchem Film ich gerade komme.
2. Sind die Menschen kalt?
Ich gehe davon aus, daß ich nicht der einzige bin, der einen Bio-Adapter
besitzt. Meine Nachbarn haben alle einen. Merkwürdig, daß sie,
sozusagen unter freiem Himmel, trotzdem nicht so sprechen, wie sie es
dort gelernt haben. Sie stottern rum, bewegen sich auch irgendwie anders,
man könnte fast meinen, sie taumeln. Entweder sind sie nicht so süß,
so menschlich, wie ich das vergleichsweise kenne, oder sie sind nicht
cool genug. Sie sind ehrlich gesagt völlig daneben, was ihnen offenbar
selber unangenehm ist. Ich glaube, deshalb nennen sie alles, was sie auch
nur entfernt an ihr Leben im Bio-Adapter erinnert, süß, cool,
geil undsoweiter. In Wahrheit finden sie sich genau so wenig zurecht wie
ich. Wäre es anders, würden sie doch nicht dauernd davon reden,
wie süß, cool, geil undsoweiter es hier ist, das ist doch krank,
das ist doch nicht normal.
Im Bio-Adapter hat man mir beigebracht, daß
diese Krankheit Entfremdung heißt. Durch große Veränderungen
in einer Gesellschaft können alte Strukturen wie Familie, Dorfgemeinschaft
oder Klassenzugehörigkeit verschwinden und mit ihnen die entsprechenden
Gefühle. Menschliche Fähigkeiten wie Anteilnahme, Solidarität
oder miteinander Reden sind plötzlich gestört oder sogar zerstört.
So etwas soll zum Beispiel während der Industrialisierung geschehen
sein, heißt es. Unter den neuen Arbeitsbedingungen wurde die Arbeitswelt
immer unmenschlicher. Etwas später erstarrten die Seelen der Menschen.
"Ein Jahr müßte ich suchen", schrieb ein gewisser Franz Kafka
damals in sein Tagebuch, "ehe ich ein wahres Gefühl in mir fände".
Es war natürlich immer noch ein Übergangszeit. Die Leute erinnerten
sich daran, wie sich das Leben früher einmal angefühlt hatte
- auch wenn diese Erinnerungen im Fall Franz Kafkas, wo der tyrannische
Vater die alte Familienharmonie verkörperte, nicht gerade mit den
wärmsten Gefühlen verbunden gewesen sind. Als Schriftsteller
jedenfalls kämpfte er gegen die Kälte, die durch den Verlust
dieser wahren Gefühle in den Menschen entstanden waren: "Ein Buch
muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", schrieb er.
Doch in den seither vergangenen hundert Jahren
hat man unermüdlich daran gearbeitet, diese emotionale Leere wieder
aufzufüllen, das Eismeer in unseren Herzen aufzutauen. Und man kann
sagen, die Arbeit war erfolgreich. Es wurde Ersatz geschaffen, doch was
heißt hier Ersatz. Neue Gefühle entstanden, in anderen Familienmustern
und Gemeinschaftsformen. Freizeit wurde erfunden und mit ihr auch der
Ort, an dem sie zu verbringen war: der Bio-Adapter, die Prothesenwelt
unserer Maschinen. Wurden die Maschinen anfangs verantwortlich gemacht
für unsere Entfremdung, gaben sie uns bald ihre Idee von Natur und
zeigten uns, wie man sich wohlfühlt in ihr. Meiner Ansicht nach nähert
sich diese aus der Entfremdung geborene Natur heute immer mehr der Perfektion.
Jedesmal, wenn ich den Adapter einschalte, ist sie noch natürlicher
geworden. - Trotzdem diese eigenartige Differenz zwischen dem Leben drinnen
und draußen. Ist es möglich, daß wir uns von der Entfremdung
entfremden, kaum verlassen wir ihre natürliche Umwelt? Sind wir dann
uncool? Unmenschlich? Einsam? Oder befinden wir uns hier, im realen Leben,
alle zusammen in einer gemeinsamen kalten Einsamkeit? Sind wir als wirkliche
Menschen kalt?
3. Coolness - ein historischer Exkurs
"Kälte" als Metapher für den Zustand der Gesellschaft ist ein
Topos in der Moderne. Zur kalten Gesellschaft gehört die Kulturindustrie.
Sie übersetzt Affekte in Kapital. Dabei produziert sie in erster
Linie Stallwärme, ein Gefühl des Aufgehobenseins. Den Vorwurf,
dennoch kalt zu sein, mußte sie sich deshalb lange gefallen lassen,
weil sie nach einem Wort Horkheimers/Adornos "alles mit Ähnlichkeit"
schlug. Ihre Heimeligkeit war ein Ausschlußverfahren. Andere Konzepte,
sich mit der Umwelt in Beziehung zu setzen, sich wenn schon nicht wohlzufühlen
in ihr, so doch wenigstens überleben zu können, sollten, so
schien es, radikal ausgemerzt werden. Anfang der fünfziger Jahre
fanden afroamerikanische Musiker im Cool Jazz eine Möglichkeit, die
totalitären Normen der Kulturindustrie zu unterlaufen. Die Ästhetik
des Cool war politisch. Sie verweigerte sich dem Anpassungsdruck an den
Lifestyle des weißen amerikanischen Mittelstands. Die Kulturindustrie
spiegelte den rigiden Rassismus in den USA. Miles Davis hat seine Auftritte
explizit in diesen politischen Kontext gestellt und dies zum Beispiel
unterstrichen, indem er dem weißen Publikum beim Spielen den Rücken
zuwandte. Coole Gesten waren Ausdruck für die Würde und den
Stolz gedemütigter und von der Kulturindustrie ausgebeuteter Subjekte
unter den Bedingungen ihrer konkreten politischen Ohnmacht. Daß
sie etwas später selbst zu einem Markenzeichen der US-amerikanischen
Kulturindustrie wurden, ist nur ein Hinweis auf die Unschuld eines Aufbruchs,
der nicht ahnen konnte, wie wandlungs- und lernfähig der Feind sein
würde. Coolness stellte eine Art Gegenprogramm sozialen Verhaltens
dar. Sie bedeutete Selbstkontrolle, prüfende, beobachtende Distanz
zum eigenen Handeln, die Abkehr von der "falschen" sozialen Umwelt, Bescheidenheit,
Ruhe, Abgeklärtheit, Gelassenheit, das Fallenlassen von Machtansprüchen.
Als die Botschaft bald darauf zum modischen Habitus wurde, reagierte John
Coltrane mit einem Jazz der religiösen Ekstase, Miles Davis, indem
er bis zum Ende seines Lebens zwischen kühlen und rebellischen Positionen
des Ausdrucks wechselte. Er versuchte der Vereinnahmung der Gesten durch
den Markt dadurch zu entgehen, daß er in immer neue, entgegengesetzte
Gesten entwischte. Eine Strategie, die an die Figur des Schizos in Deleuze/Guattaris
"Anti-Ödipus" erinnert: Wenn man auf eine Identität festgenagelt
zu werden droht, taucht man mit neuem Gesicht an einem anderen Ort wieder
auf. Nur der Begriff "cool" wurde im Laufe der Zeit zum leeren Signifikanten
für Pseudoidentitäten auf dem Niveau von Cola light.
4. Wie es ist, cool zu sein - eine autobiographische Skizze
Bevor ich zu schreiben anfing, war ich Musiker und Miles
Davis mein größtes Vorbild. Als Jugendlicher hatten mich vor
allem seine Gesten beeindruckt, später bewunderte ich seine musikalische
Formensprache. Anfang der achtziger Jahre war ich selber Leader einer
coolen Band. Unsere Coolness war natürlich eine zeitgenössische:
Wir spielten New Wave. Zur selben Zeit hatte Rainald Goetz seinen berüchtigen
Auftritt in Klagenfurt. Ich war begeistert und zugleich irritiert, denn
irgendetwas in seinen Texten stellte mein cooles Selbstverständnis
gründlich in Frage. Goetz' Stück "Heiliger Krieg" trägt
das Motto: "Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde". Das war
damals antisozialdemokratisch gemeint, um sich politisch links von der
repressiv toleranten 68er-Linken zu definieren. Ich nahm es wörtlich:
Die Feinde unserer Feinde, dachte ich ganz logisch, das sind doch wir
selber.
Als ich die Pop-Musik-Bühne
1985 tatsächlich von einem Tag auf den anderen für immer verließ,
hatte das damit zu tun, daß ich meine künstlerische Arbeit
zu begreifen begann als Arbeit gegen mich , gegen die Klischees,
die mein Ich-Bild zu dieser Zeit ausmachten. Mir war klar geworden, daß
mich meine coolen Auftritte in Hemd und Krawatte, kurzgeschorenen Haaren
und Hut zum Mitproduzenten der Affektindustrie machten. Nach zwei Jahren
Pop, die mich zum Underground-Hero einer universitären Subkultur
gemacht hatten, wußte ich, daß an der Sache von Grund auf
etwas faul war. Goetz' Texte hatten mir gezeigt, daß sämtliche
emotionalen Codes des Kulturbetriebs in einem nicht mehr zu unterlaufenden
Zusammenhang zu sehen waren. Es gab keine coolen Positionen mehr außerhalb
des Systems.
Das wirkte als plötzlicher,
wie eine Faust auf mich niedersausender Erkenntnisschub auf mein dreiundzwanzigjähriges
Hirn. Mein ganzes angemaßtes und eingebildetes Künstlerselbstverständnis
lag in Trümmern. Ich hatte mir unentwegt etwas vorgemacht, mir unentwegt
etwas vormachen lassen. Ich hatte die von meinem Publikum zurückgespiegelten
Affekte mit meiner Identität verwechselt. Seit meiner Pubertät
war ich immer belohnt worden für diesen Selbstbetrug, den mein Talent
offenbar forciert hatte. Fast zehn Jahre lang hatte ich mich betrügen
lassen und mich selbst betrogen und den Betrug mitgemacht. Nun blieb mir
nichts als eine gefälschte Maske. Streiche das Klischee vom genialen
Künstler mit großem Herzen, der auf coole Distanz gehen muß,
weil er sich und seine naturgemäße Einsamkeit schützen
muß, sagte ich mir, und nichts bleibt übrig. Jetzt rannte ich
durch die Welt, als ob ich nie existiert hätte. Wenn ich mit Leuten
redete, kam mir wie ein ungeheures Arschloch vor. Mit meinem künstlichen
und verlogenen Selbstbild, das mich bis dahin so leicht durch mein Leben
getragen hatte, verlor ich jeden Halt. Ohne dieses Bild von mir und jedes
neue Bild immer wieder zerstörend, das sich meiner zu bemächtigen
drohte, begann ich zu schreiben.
So wurde die Auseinandersetzung
mit der Rolle, die Affekte in der Mediengesellschaft spielen, bald zu
einem zentralen Thema meiner Arbeit. Schnell wußte ich aber auch,
daß es mir nicht reichen würde, die Verstrickung der Affekte
vorzuführen, den ich-technologischen Apparat zu dekonstruieren. Vom
jungen Goetz hatte ich viel gelernt. Er schnitt sich die Stirn auf, um
im nächsten Atemzug den medialen Hard Core - Schwachsinn begeistert
zu bejahen. Wärme und Kälte, Pathos und Coolness, Revolte und
Schmerz und Leere: alles untrennbar eins. Doch diese Stimme schien mir
immer noch mitten aus dem System zu stammen. Was ich suchte, war ein Hebel
außerhalb der Affekte, eine Perspektive, die alle affektiven
Codes beobachten konnte, einschließlich der Anti-Affekte, war ein
Schreiben nach Goetz. Ich wollte den Ort finden, der von den
Reiz-Reaktionsschemata der Kulturindustrie unangetastet blieb. Hierher
setzte ich - ohne ihn noch benennen zu können - meinen Begriff von
Literatur.
5. Kulturindustrie - was tun?
Sechzig Jahre sich ständig perfektionierende Kulturindustrie,
und die Frage: was tun? ist so offen wie zu Adornos Zeiten. Nur der Spielraum
scheint noch enger geworden. Er ist so eng, daß man schon zu ersticken
glaubt, wenn man bloß daran denkt, eine Antwort zu finden. Denn
die Frage lautet heute in etwa so: Wie soll ich mich jenseits des Kälte-Wärme-Spiels,
jenseits der entleerten coolen oder pathetischen Codes als Künstler
zur Gesellschaft, in der ich agiere, überhaupt noch positionieren?
Wie mich zu den Bedingungen verhalten, die sie mir zuweist? Kann ich verhindern,
daß mir alles im Handumdrehen zur Geste, zum Logo erstarrt? Sich
in der Oberflächlichkeit eines Logos erschöpft? Als Logo zum
reinen Konsumartikel wird? Das Programm einfach weiterspielen, bedeutet,
den Stand der Medienpraxis, den Status quo der Ich-Technologie mitmachen.
Wäre aber ein politisches Moment wie zum Beispiel im Cool Jazz der
fünfziger Jahre getrennt von coolen Gesten überhaupt denkbar?
Affekte sind mehr und mehr zum
zentralen Medium einer Politik und Ideologie geworden, die für die
Menschen im "glücksanzug" und "uterus" jenes Bio-Adapters endet,
den Oswald Wiener bereits in den sechziger Jahren, in "Die Verbesserung
von Mitteleuropa, Roman" beschrieben hat. Auch Kunstwerke lösen Affekte
aus. Sie haben mit den affektiven Gesten, von denen die mediale Aufmerksamkeit
lebt, nichts gemein. Hinter den Masken des Pathos, der Expressivität,
der Coolness speichern sie eine spezifische emotionale Kraft, eine besondere
Form des Glücks und der Trauer. Als Jugendlicher hatte ich sie unterschwellig
empfunden. Nachdem ich in den Abgrund meines Nicht-Ichs gestürzt
war, fühlte ich sie klar und deutlich: Ich war empfänglich geworden
für jene Sprache, die aufblitzt, wenn die scheinbare Sicherheit der
Sprache und Gesten preisgegeben wird. In dieser Sprache erkannte ich endlich
mein Leben wieder.
Als Schriftsteller versuche ich
eine Haltung jenseits der ikonographischen Lesbarkeit einzunehmen. Den
ästhetischen Hebel setze ich außerhalb der Endlosschleife der
Affektreproduktionen an. Coole Distanz bedeutet in der Gegenwart nur eine
weitere Position des Voyeurismus im allgemeinen Voyeurismus. Demgegenüber
formuliert sich Distanz des Kunstwerks als Kunstwerk ästhetisch.
Sie verzichtet auf die Applikationen der Styles und Gesten. Ein Kunstwerk,
das zeitgenössisch sein möchte, kann die Realität der kulturindustriellen
Scheinrealität unmöglich ausklammern, das jenseits ihrer Künstlichkeit
das reale Leben mitbestimmt. Coolness, Pathos undsoweiter sind Material
des Kunstwerks, aber nicht, um die Codes zu verstärken oder in neue
Spielarten zu übersetzen, sondern um dahinter existenzielle Dimensionen
aufzuspüren und spürbar zu machen.
In der Kunst berührt die Erkenntnis
die Grenzen des Erkennens. Die Schönheit ihres Bemühens um Ausdruck,
die letztlich immer die Schönheit eines Scheiterns bleiben muß,
spiegelt mein eigenes Scheitern und meine eigene Ohnmacht und gibt mir
mit der Sprache Würde zurück. Nach ihr haben sechzig Jahre früher
auch die coolen Jazzer gesucht. In ihrer Musik ist das zu hören.
Im Sound des 19. Jahrhunderts, bei Eduard Mörike, klingt das so "Der
Mensch verlangt und scheut zugleich, aus seinem gewöhnlichen Selbst
vertrieben zu werden, er fühlt, das Unendliche wird ihn berühren,
das seine Brust zusammenzieht, indem es sie ausdehnen und den Geist gewaltsam
an sich reißen will ... der Gedanke, ein göttliches Wunder
genießen, es als ein Verwandtes in sich aufnehmen zu dürfen,
zu können, führt eine Art Rührung, ja von Stolz mit sich,
vielleicht den glücklichsten und reinsten, dessen wir fähig
sind."
In den letzten Jahren ist viel vom metaphysischen Loch gesprochen
worden, das wir nicht zu schließen vermögen. Vielleicht würde
eine Metaphysik der Sprache schon genügen. Seit ich schreibe, bemühe
ich mich um genau jene Sprache, die jenseits ihrer scheinbaren Sicherheit
aufblitzt und von der ich meine, daß sie dem Leben am nächsten
kommt.
"wo die sprache nicht ausreicht
prügelt man sich", heißt es bei Oswald Wiener. Womit ich zur
gesellschaftlichen Realität der Gegenwart zurückkehre. Um diese
Realität zur Sprache bringen, taugt das alte Kälte-Wärme-Programm
jedenfalls nicht mehr. Menschen wie der Attentäter in Erfurt werden
nicht zu Massenmördern, weil sie besonders cool oder besonders rebellisch
sind oder weil die Gesellschaft so kalt ist. Sie können sich leider
nicht mehr anders ausdrücken. Ihnen steht keine andere Sprache zur
Verfügung. Sie haben nur leere Gesten, wo einmal Affekte gewesen
sind. Sie spüren nichts. Sie waren zu lange ausschließlich
im Bio-Adapter.
Norbert Niemann, im Sommer 2003
(Vortrag zur Veranstaltungsreihe "Affekte" des Kulturwissenschaftlichen
Forschungskollegs "Medien und kulturelle Kommunikation" an der
Universität Köln;
gehalten im Literaturhaus Köln am 24. Juni 2003)
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