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Inventur – Konzeption und Kriterien für ein Lesebuch 1945 – 2003
Auf der Frankfurter Buchmesse 2001 trafen sich ein Mitarbeiter der „Bundeszentrale für politische Bildung“ und eine Mitarbeiterin des Carl Hanser Verlags und sprachen über die Idee zu einem Deutschen Lesebuch. Die Bundeszentrale hielt es für wünschenswert, nach fünfundzwanzig Jahren wieder einmal eine solche Bestandsaufnahme zu unternehmen, denn die letzte war 1979 bei Wagenbach unter dem Titel „Vaterland , Muttersprache . Deutsche Schriftsteller und ihr Staat von 1945 bis heute. Ein Nachlesebuch: Offene Briefe, Gedichte, Manifeste, Polemiken“ erschienen. Auch meinem Verleger Michael Krüger, der dieses Buch damals zusammen Klaus Wagenbach und Winfried Stephan herausgegeben hatte, schien die Idee plausibel. Und nachdem man sich bei der Suche nach geeigneten Herausgebern darauf geeinigt hatte, daß es ein Kritiker und ein Schriftsteller der jüngeren Generation miteinander versuchen sollten und ich gefragt wurde, ob ich interessiert sei, so ein Lesebuch zu machen, fühlte ich mich natürlich geehrt. Im selben Augenblick wußte ich aber, daß ich genau zu prüfen hatte, ob mein Antrieb zu einem derart halsbrecherischen Unternehmen wirklich ausreicht. Denn mir war klar, daß ich mich damit nicht nur in ein öffentliches Feld wagte, in dem ich, ein Schriftsteller, als Wilderer in einem von Großkritikern, Instanzen und Institutionen besetzten Revier wahrgenommen würde. Auch gegenüber den Kollegen, unter denen ich mir anmaßte eine Auswahl vorzunehmen, würde mich das Projekt in eine heikle Lage bringen können.
Es waren zwei komplexe Fragestellungen, die ich mir zu beantworten hatte, bevor ich meine endgültige Zustimmung gab:
Erst dann stellten sich die Fragen nach der Konzeption und den Kriterien, die sich zum Teil direkt aus der Praxis des Lesebuchmachens ergaben:
In dieser Reihenfolge werde ich nun die Antworten zu skizzieren versuchen, die ich mir als Schriftsteller und der FAZ-Kritiker Eberhard Rathgeb und ich uns als Herausgeber auf diese Fragen gegeben haben.
1. Meine Motivation
Neben meiner Prosa schreibe ich seit meiner Studentenzeit Artikel und Essays, die sich unter anderem um literaturpolitische Belange kümmern. Auch meine Tätigkeit als Herausgeber von Zeitschriften und Initiator von literarischen Diskussionsrunden gehört in diesen Kontext. Unter den jüngeren Schriftstellern ist das Bewußtsein einer zunehmenden Marginalisierung der künstlerisch hochwertigen Literatur verbreitet. Dies gilt auch für mich, und obwohl ich weiß, daß daran in absehbarer Zeit nichts zu ändern sein wird, bin ich nach wie vor nicht bereit, mich damit abzufinden. In meinem Aufsatz „Vom Feind umzingelt“, den ich nach dem Gewinn des Ingeborg Bachmann-Preises 1997 für DIE ZEIT schrieb, nannte ich als Grund dafür eine Übermacht des Tertiären: Weder Autoren noch das Feuilleton seien noch in der Lage, die öffentliche Aufmerksamkeit für die Literatur zu beeinflussen; sie werde immer ausschließlicher bestimmt vom Diktat des Marktes und den dazugehörigen Strategien der Vermarktung. Zwei zentrale Perspektiven zur Beurteilung der künstlerischen Qualität von Literatur treten dabei immer mehr zurück: das Verhältnis zum Zeitgeschehen und das Verhältnis zur Literaturgeschichte. Als Mitherausgeber von zwei Heften der Literaturzeitschrift „Akzente“ habe ich – selbstverständlich im Wissen um die Ohnmacht dieses Mediums – dem etwas entgegenzusetzen versucht: Die Nummer „Politik“ wollte eine Art Horizontalschnitt durch die gesellschaftliche Gegenwart vornehmen und die veränderte Wirklichkeit aus der Sicht jüngerer Autoren thematisieren. Die Nummer „Tradition“ widmete sich der vertikalen Achse, das heißt, sie war als Standortbestimmung gedacht, die sich aus der ästhetischen Wechselbeziehung zwischen zeitgenössischen und historischen Schriftstellern ablesen läßt. „Tradition als positive Praxis wäre (...) eine Methode, bei aktuellen Stoffen am historisch Ähnlichen den Stand der Dinge zu prüfen: Was ist gleich geblieben? Was hat sich geändert? Wo Kontinuitäten sichtbar werden, zeigen sich erst recht die Unterschiede“, formulierte ich damals in meinem Beitrag über die Darstellung von jugendlicher Gewalt in Robert Musils „Törleß“, Anthony Burgess‘ „Clockwork Orange“ und heute. Insofern bedeutete die „Inventur“ für mich die Verlängerung und Vertiefung eines ohnehin begonnenen Unternehmens, das vielleicht dazu beitragen könnte, die Leerstelle aufzufüllen, die durch eine nur auf ökonomischen Erfolg abgestellte Marktpraxis entstanden ist. Zudem würde sich so vielleicht die politische und die literaturhistorische Ebene zusammenbringen lassen. Daß ich mich damit auf einen Kampf gegen Windmühlen einließ und Gefahr lief, mir einige Blessuren zuzuziehen, nahm ich als traditionsbewußter Schriftsteller schließlich nach einigem Bedenken billigend in Kauf.
2. Der Charakter eines Deutschen Lesebuchs im Jahr 2003
„Vaterland Muttersprache“ ist von Vertretern der sogenannten 68er-Generation herausgegeben worden, und das spiegelt sich in der Form dieses Lesebuchs auf doppelte Weise: zum einen durch die Öffnung zu allen, gerade auch nicht-literarischen Textsorten hin; zum anderen durch das enge, beinahe deckungsgleiche Verhältnis zwischen gesellschaftspolitischer Entwicklung und sprachlicher Reflexion. Das Buch war in seiner Art und für seine Zeit brillant, ist aber heute konzeptionell veraltet. Warum? Einerseits ist die Auflösung ästhetischer Grenzen als Kampfansage gegen ein bildungsbürgerliches Elitedenken längst abgeschlossen und ersetzt worden durch einen popkulturellen Status quo des Events und Spektakels. Andererseits haben die gedruckten Polemiken, Debatten, offenen Briefe und Manifeste mit der seriösen Presse ihre öffentliche Funktion als Leitmedium eingebüßt. Der Charakter eines Lesebuchs im Jahr 2003 hatte der Tatsache Rechnung zu tragen, daß sowohl literarisch als auch argumentativ ambitionierte Texte im öffentlichen Raum kaum mehr Präsenz beanspruchen können. Es mußte außerdem berücksichtigt werden, daß umgekehrt öffentliche Präsenz (und ökonomischer Erfolg) nur extrem selten noch mit literarischer Qualität zu tun haben. Samuel Becketts Stücke oder Heinrich Bölls Artikel würden heute, von Autoren vergleichbaren Alters geschrieben, keinen Hund hinterm Ofen hervorjagen. Die Begeisterung für Judith Hermanns „Sommerhaus, später“ oder der Erfolg einer Figur wie Benjamin von Stuckrad-Barre haben außerliterarische Ursachen. Selbstverständlich spiegeln die zuletzt genannten Phänoneme den Zustand einer radikal veränderten Öffentlichkeit und sind Teil der Gegenwartsrealität. Aber gehören deshalb Texte aus diesem Kontext in ein literarisches Lesebuch? Wie sollte die Erwartung erfüllt, die Aufgabe gelöst werden, auf die von der „Bundeszentrale“ bei unseren Sitzungen mit Recht immer wieder gepocht wurde, nämlich die politische Zeitgeschichte und die Entwicklung der Nachkriegsgesellschaft bis heute aus der Perspektive der Literatur zu erzählen? Eine Möglichkeit hätte darin bestanden, dem Lesebuch eben diese Geschichte zugrundezulegen und dann unabhängig von ihrem ästhetischen Niveau Texte zu suchen, um sie gleichsam zu bebildern. Eine andere Möglichkeit wäre gewesen, ein „Best of“-Album zusammenzustellen und sie mit großen Verkaufserfolgen zu kombinieren, weil sie den Zustand der Gesellschaft aufzeigen. Dann hätte man neben Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ auch Verena Stefans „Häutungen“ oder Hildegard Knefs „Der geschenkte Gaul“ bringen können. Zum Glück stellte sich bald heraus, daß Eberhard Rathgeb ebenso wie mir etwas anderes vorschwebte und wir uns schnell einig waren, die Literatur als eine Art alternative Geschichtsschreibung im Sinne Georg Büchners in den Mittelpunkt des Lesebuchs zu rücken. Das Motto von René Schickele, das wir erst nachträglich fanden und der „Inventur“ voranstellten, faßt diese Absicht sehr gut zusammen: „Es läßt sich von der Kunst ablesen, was aus dem Menschen geworden ist.“ Die Betonung liegt sowohl auf der Kunst als auch auf dem Menschen. Die zentrale Frage war, mit welchen sprachlichen und formalen Mitteln Autoren auf eine sich verändernde Wirklichkeit reagieren, wie sich in diesem ästhetischen Reflex die sich verändernden Lebensbedingungen zeigen. Es ging also – mit einem Wort Friedrich Schillers aus den Kallias-Briefen – darum, Texte auszuwählen, die zumindest den Anspruch erheben, „nicht von außen, sondern durch sich selbst bestimmt sein, autonomisch bestimmt sein oder so erscheinen“ zu wollen – und dies in ihrem jeweiligen historischen Kontext. „Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist“, heißt es in der „Ästhetischen Erziehung“. Darin entwickelte Schiller sein Konzept von der Autonomie des Kunstwerks übrigens ebenfalls angesichts einer Zeit, in der, „der Nutzen das große Idol ist, dem alle Kräfte fronen und alle Talente huldigen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmunterung beraubt, verschwindet sie vom lärmenden Markt des Jahrhunderts.“ Die „Inventur“ wendet sich gegen das gegenwärtige Verschwinden der Kunst aus der Gesellschaft und will – wie es im Vorwort heißt – zeigen, „daß die Literatur nicht in einzelne Werke zerfällt, sondern die Geschichte der Schriftsteller erzählt, die immer neue Worte suchen, weil sie die Wirklichkeit vor den letzten Worten, in denen sich der Gemeinverstand gerne einrichtet, bewahren möchten.“
3. Was unterscheidet ein Lesebuch von Kanon, Anthologie und Schullesebuch?
a) Gegen den Sarg eines Kanons
Bekanntlich gibt es hierzulande seit Jahren eine Kanondebatte, an der so mancher Kritiker und so manche Zeitung sich eifrig beteiligt und die inzwischen so manchen Kanon hervorgebracht hat. Das Unbehagen, das Rathgeb und ich diesbezüglich sofort teilten, hat mit der Säulenheiligkeit von Schriftstellern oder Werken zu tun, die dadurch hergestellt wird. Ohne Zweifel ist das Bedürfnis nach einem Kanon auf dieselbe Beobachtung zurückzuführen, die auch wir machen, nämlich daß durch die Übermacht des Marktes die Literatur als Kunstform verdrängt wird. Ohne Zweifel bringt uns eine Kanonisierung aber auch zu jener bildungsbürgerlichen Sakralisierung der Literatur zurück, gegen die man sich mit Recht – mit „Vaterland Muttersprache“ etwa – vor circa 25 Jahren wandte. Ein Kanon schließt das Buch der Literaturgeschichte ab, er sagt uns, was gut ist, und wir haben es dann zu verehren. Unser Lesebuch dagegen will die Geschichte der Literatur als dynamischen Prozeß darstellen, der per definitionem unabschließbar ist. Mitherausgeber Wolfgang Matz schrieb im Vorwort zu unserer Akzente-Nummer „Tradition“: „Auf den Gedanken, literarische Tradition mit Hilfe eines „Kanons“ herzustellen, in dem irgendwelche Autoritäten die Spreu vom Weizen trennen, kann nur eine museale Epoche kommen, in der eine lebendige, und das heißt, eine wirkende Tradition sich schon lange nicht mehr auszubilden vermag.“ Die „Inventur“ bildet ein Gegengewicht zu dieser Tendenz. Es gibt in bezug auf das Lesebuch einen Fehler, den ich bereue: Daß wir keinen Einspruch erhoben haben gegen den Satz aus dem Klappentext: „sie wählen aus, was für einen Leser heute noch Sprengkraft besitzt, und sie lassen weg, was nur noch museal ist“. Denn er führt exakt auf die falsche Fährte eines Kanondenkens, die wir mit der „Inventur“ unterlaufen wollten. Wir haben bei unserer Auswahl keineswegs zwischen Aktuellem und Veraltetem unterschieden, sondern uns für Texte entschieden, die ihre ästhetische Autonomie gegenüber „den Planierungen der Realität“ (wie es im Vorwort heißt) verteidigen und sich ihr entgegenstellen.
b) Gegen die Beliebigkeit einer Anthologie
Da die „Inventur“ gleichzeitig ein literarisches Lesebuch und eins über die Geschichte der Nachkriegsgesellschaften im deutschsprachigen Raum werden sollte, war klar, daß die für den jeweiligen historischen Zeitabschnitt ausgesuchten Texte die geistigen Bewegungen im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklungen mosaikartig zu zeigen hätten. Bald wurde aber auch deutlich, daß das mittels einer bloßen Aneinanderreihung der Textbausteine nicht gelingen konnte. Weiterhin galt, daß die Autonomie der ästhetischen Positionen im Zentrum stehen, daß die Geschichte von 1945 bis 2003 aus dem Blickwinkel der Schriftsteller und Intellektuellen erzählt werden sollte. Um die Kapitel zu einem Ganzen zu fügen, entschlossen wir uns zu einem Aufbau mit drei Texttypen: In einer kurzen Einleitung skizzierten wir – immer aus der Perspektive von Autoren – die Zeitumstände der betreffenden historischen Periode. Danach kamen – in chronologischer Reihenfolge – die Texte, denen wiederum kleine Einführungen vorangestellt wurden. In ihnen kam es uns darauf an, Verbindungen herzustellen sowohl zu den allgemeinen politischen, sozialen, technischen Entwicklungen, als auch Verbindungen bzw. Gegnerschaften von Schriftstellern untereinander oder Querverbindungen über die Zeiten hinweg aufzuzeigen. Viele Schriftsteller der neunziger Jahre zum Beispiel finden ihre ästhetischen Bezüge in den vierziger bis sechziger Jahren – sei es die Tradition der Moderne, der Umgang mit trivialmythischem und popkulturellem Material oder die Tradition metaphysischer Positionen. Mit dieser engen Verknüpfung der Textbausteine untereinander glauben wir dem Anspruch gerecht geworden zu sein, die vitale Dynamik der Kunstform Literatur herauszuarbeiten, die bis zum heutigen Tag ungebrochen ist.
c) Gegen die Selbstbeschränkungen eines Schullesebuchs
Es gibt bekanntlich die Slogans vom „Lesespaß“, die guten Absicht, vor allem junge Leute „zum Lesen zu verführen“, das Märchen, daß man „die Kids dort abholen muß, wo sie stehen.“ Ich bezweifle zutiefst, daß dies ein probates Mittel ist, jemanden zur Lektüre von Literatur als Kunstform zu erziehen. Diese Strategie ist allenfalls gut für die Buchhandelsketten, so wie Britney Spears gut ist für die Plattenindustrie. Kein Mensch käme auf den Gedanken, die „Bravo Hits 2004“ würden jugendliche Ohren auf die Musik John Cages oder der „Einstürzenden Neubauten“ vorbereiten. Kein einziges mittelmäßiges Buch kann einen Leser dazu bringen, Kafka oder Celan, Reinhard Jirgl oder Thomas Kling zu lieben. Das können nur ihre Texte selber – was allerdings voraussetzt, daß man sie zugänglich macht. Dennoch hatten wir beim Schreiben der Einleitungen und Einführungen den oder die Neunzehnjährige als idealtypischen Leser vor Augen, die vielleicht soeben ihr Abitur gemacht und das Interesse für Literatur nicht ganz verloren hat. Das Lesebuch sollte nicht speziell für sie gemacht sein, sie aber auch keinesfalls durch übertriebende Kompliziertheit ausschließen. Ich erinnere mich, wie ich stundenlang über der Einführung zu Oswald Wieners komplexer Prosa aus der „verbesserung von mitteleuropa, roman“ gebrütet, sie dann als zu hochtrabend verworfen und völlig neu und so einfach wie möglich geschrieben habe. Die Vorbemerkung soll vor dem schwierigen Text nicht abschrecken, sondern einerseits den Zugang erleichtern, andererseits das Interesse schüren. Sie will zeigen, warum es sich lohnt, sich gerade auch auf die Lektüre vermeintlich sperriger Literatur einzulassen. Ein Schullesebuch ist die „Inventur“ jedenfalls nicht. Allenfalls als begleitendes, erweiterndes Lesebuch in den letzten beiden Klassen kann ich es mir vorstellen – zumal es so leicht und billig über die „Bundeszentrale für politische Bildung“ zu haben ist. Vielleicht taugt es auch als Hilfsmittel für den Deutschlehrer, der seinen Schülern etwas von den spannenden Vorgängen vermitteln will, die Autoren bis in die unmittelbare Gegenwart hinein umtreiben.
4. Aus der Praxis des Lesebuchmachens
Dem Wunsch und Idealbild eines theoretischen Konzepts stehen dann natürlich die Beschränkungen der praktischen Umsetzung entgegen. Oft hatten wir beim Zusammenstellen, Verfassen von Einleitungen und Kommentieren der Texte den Eindruck, an der Quadratur des Zirkels zu arbeiten. Wir wußten bald, daß wir uns der Idee unserer „Inventur“ nur annähern würden können – das allerdings wollten wir so weitgehend wie möglich versuchen. Ich kann hier nur wenige Schwierigkeiten anreißen, vor die wir uns gestellt sahen. Sie beleuchten die Kriterien, nach der wir unsere Auswahl getroffen haben, in einigen Details. Es handelt sich im wesentlichen um drei Problemfelder: den Umfang, die Strukturierung und das Gleichgewicht.
a) Das Problem der Textauswahl über einen großen Zeitabschnitt bei beschränktem Umfang
In einem allerersten Entwurf hatten wir Textproben von vergleichsweise großer Länge vorgesehen. Wir sagten uns, daß wir eher weniger Autoren aufnehmen und ihrer eigenen Stimme dafür etwas mehr Raum geben wollten. Unsere Vorstellung lag bei circa 20 – 25 Autoren für jedes Kapitel. Nachdem ein erstes Probekapitel gesetzt war, stellte sich heraus, wie sehr wir dessen Umfang unterschätzt hatten. Das Buch – so lautete die durchaus vernünftige Vorgabe, sollte es ein benützbares Lesebuch bleiben – durfte die Seitenzahl von 400 möglichst nicht überschreiten. Wir mußten erkennen, daß nicht nur die Texte viel kürzer werden, sondern daß wir sogar trotz Kürzung der Auszüge die Autorenzahl noch nach unten korrigieren mußten. Die Berechnung ergab nun, daß wir im Schnitt nur 17 – 18 Autoren in jedes der sechs Kapitel aufnehmen konnten. Das warf einige unserer Vorstellungen gründlich über den Haufen. Ursprünglich war geplant, von einigen Autoren, die über mehrere Jahrzehnte mit verschiedenen ästhetischen Ansätzen prägend waren, auch mehrere Texten zu bringen. Das galt etwa für Heinrich Böll, Max Frisch, Peter Handke oder Rainald Goetz, um nur einige der hervorstechendsten Beispiele zu nennen. Da sich dies als unmöglich herausstellte, mußten wir entscheiden, zu welchem Zeitabschnitt diese Autoren am besten paßten (dazu unten mehr). Je länger wir an den Kapiteln arbeiteten, desto mehr Texte und Autoren boten sich natürlich an, außerdem noch darin aufgenommen werden. Doch dann hätten uns vielleicht 200 - 300 Seiten mehr zur Verfügung stehen müssen, und das Buch wäre ein Ziegelstein geworden. Der Platzmangel stellte uns also jedesmal vor die Wahl, einen Text und Autor für diesen neu hinzukommenden zu opfern oder stehen zu lassen. Der Vorteil des Ziegelsteins wäre gewesen, daß er eine etwas lockere Komposition möglich gemacht hätte – Texte von Niebelschütz, Henscheid, Gernhardt, Goldt oder Kapielski z.B. wären in der Lage gewesen, eine spielerische oder satirische Tradition herauszustellen; sein Nachteil – abgesehen von der Unhandlichkeit – eine Aufweichung bei der Zusammenführung von literaturhistorischen mit zeitgeschichtlichen Gesichtspunkten, die bei unserem Lesebuch im Vordergrund stand. Daß jeder„wichtige“ Autor und Text hätte aufgenommen werden müssen, beruht m.E. übrigens auf einem Mißverständnis, das von der jahrelangen Kanondebatte herrührt. Die meisten der Autoren, von denen uns in Kritiken oder auf Präsentationen gesagt wurde, daß wir sie vergessen hätten, haben wir diskutiert, manche sind erst im allerletzten Moment ausgeschieden. Wer auch nur ein gewissen Überblick über die deutschsprachige Literatur der vergangenen sechzig Jahre hat, wird ohne große Schwierigkeiten noch einmal so viele Autoren finden, die es wert gewesen wären, ins Lesebuch aufgenommen zu werden. Ein großer Teil davon taucht in den Einleitungen und Einführungen auf, die selbstverständlich auch dazu anregen wollen, über den notgedrungen engen Textkörper der „Inventur“ hinaus in die Literatur „hineinzuspringen wie ins Meer, weil man nur so das Schwimmen, das Lesen lernen kann“ – wie wir am Schluß des Vorworts meinen.
b) Das Problem der Strukturierung des Materials
Die Literatur der Nachkriegsszeit bis heute scheint uns in drei große Blöcke gefaßt werden können. Eine erste Phase bis circa 1960 ist von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und des Holocaust geprägt. Eine zweite Phase bis circa 1980 wird von der Politisierung im Kontext des Kalten Kriegs und der Studentenbewegung bestimmt. Eine dritte Phase bis heute läßt sich vielleicht als Neuorientierung in Zusammenhang mit dem Ende der ideologischen Lager, der dritten technologischen Revolution und der Globalisierung beschreiben. Jede dieser Phase haben wir wiederum in zwei Abschnitte unterteilt: In den Jahren bis zu den Staatsgründungen 1949 begegnet die Literatur dem Trauma des Weltkriegs mit unterschiedlichen Konzepten, wobei die metaphysischen und religiösen Momente deutlich hervorstechen. In den nach wie vor metaphysisch-religiösen fünfziger Jahren tritt immer stärker die Aufarbeitung der Mitschuld der Deutschen an der Bestialität des Nazi-Regimes hervor und verbindet sich mit einem vom existenzialistischen Denken beeinflußten Lebensgefühl. Darüber lagert sich eine erste Auseinandersetzung mit den neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Zeichen des Kalten Kriegs, vor allem unter dem Aspekt der Angst vor einem fortgesetzten Totalitarismus. Sie führt mehr und mehr zu einer kritischen Distanz gegenüber den restaurativen Tendenzen der Zeit und bereitet die Politisierung der Literatur in den sechziger Jahren vor. Die erste Hälfte der politisierten mittlere Phase läßt sich als eine Zeit des Aufbruchs und der Euphorie charakterisieren, die nichtsdestotrotz von ideologischen Grabenkämpfen begleitet ist. Emanzipation und politische Verantwortung des Einzelnen zur Veränderung von gesellschaftlichen Verhältnissen werden gegen die Passivität der älteren Generationen zur Zeit des Nationalsozialismus in Stellung gebracht, metaphysische und religiöse Aspekte als eskaptistisch in den Hintergrund gedrängt. Diese Politisierung geht in den siebziger Jahren über in eine Zeit der Resignation und der Depression. Subjektivistische Befreiungsmodelle haben in dieser zweiten Hälfte Konjunktur. Sie korrespondieren oftmals mit Rausch- und Wahnsystemen. Darüber lagert sich eine erste Auseinandersetzung mit der kulturindustriellen Konsumgesellschaft, die ausgehend von Impulsen der „Wiener Gruppe“ und der Beschäftigung mit Popkultur und Trivialmythen den neuen postmodernen Lebensbedingungen nachspürt. Die dritte Phase beginnt mit einer Rückbesinnung der Literatur auf sich selbst als Zeichensystem und steht in Zusammenhang mit der technischen Entwicklung neuer Medien und der Verlagerung politischer Machtstrukturen, die wiederum eng mit der Globalisierung der Ökonomie und der Entpolitisierung von Öffentlichkeit und Bevölkerung verknüpft ist. Zentrales Thema wird die Standortbestimmung des Ichs und der Sprache unter diesen neuen Strukturen, die Bewegungsform des Subjekts und des Denkens in Systemen, die beides gefangenhalten und zugleich definieren. Diesem Zeitraum folgt in den neunziger Jahren eine erneuerte Sensibilität für die konkreten sozialen Auswirkungen dieser Veränderungen. Aber auch eine metaphysische Traditionslinie lebt mancherorts wieder auf, die seit den achtziger Jahren nicht zuletzt durch Peter Handke reaktiviert wird. Am Beispiel Handke läßt sich auch darlegen, wie wir mit Autoren verfahren sind, die mehrere Zeitabschnitte prägend begleitet haben, von denen aus Platzmangel aber nur ein Textbeispiel möglich war. Die „Publikumsbeschimpfung“ oder ein Auszug aus den „Hornissen“ hätten sehr gut in die sechziger Jahre gepaßt, für die Siebziger wäre eine Passage aus „Die Stunde der wahren Empfindung“ oder „Das Gewicht der Welt“ bestens geeignet gewesen. Daß wir uns mit „Die Lehre der Sainte-Victoire“ für einen Text aus den achtziger Jahren entschieden haben, hatte nichts mit einem Qualitätsurteil zu tun. Im Gegenteil favorisierten wir lange Handkes „Wunschloses Unglück“ über das Leben und den Freitod seiner Mutter. Aber während die früheren Arbeiten des Autors eingebettet sind in größere Strömungen, die auch durch Beispiele anderer Autoren gezeigt werden können, tritt bei diesem Schriftsteller in den Achtzigern sein metaphysisches Verhältnis zur Sprache hervor, das sein Werk zwar von Anfang an begleitet hat, aber erst jetzt als zentraler Aspekt seines Schreibens erkennbar wird und auf die literarische Entwicklung ausstrahlt. Soweit im Groben zur Struktur des Lesebuchs, die wir uns nicht im voraus zurechtgelegt und dann aufgefüllt haben, sondern die sich im Laufe der Arbeit ergeben hat. Es kam uns darauf an, die Struktur aus den Texten zu deduzieren. Daher rühren auch die gelegentlichen Unregelmäßigkeiten in den Zeitabschnitten, die manchmal mit politischen Zäsuren oder Ereignissen zusammenfallen und manchmal nicht. Entscheidend war der Zeitpunkt, an dem sich eine seismographische Veränderung in der Literaturlandschaft abzeichnete. So endet die Literatur der mittleren Phase nicht – wie man annehmen könnte – mit dem Deutschen Herbst 1977, und die Literatur der neunziger Jahre beginnt nicht mit dem Fall der Berliner Mauer 1989. In manchen Fällen reagieren die Schriftsteller früher als jede allgemein sichtbare gesellschaftliche Entwicklung, in manchen ignorieren sie äußere Veränderungen, weil durch sie die Koordinaten der Lebenswirklichkeit erst später berührt werden.
c) Das Problem der Balance zwischen den Gattungen, Geschlechtern und Staaten
Ein literarisches Lesebuch muß zweifelsohne die Textgattungen Lyrik, Prosa, Drama berücksichtigen und darauf achten, daß zwischen männlichen und weiblichen Autoren ein einigermaßen angemessenes Gleichgewicht herrscht. Es sollte, wenn es den gesamten deutschsprachigen Raum umfaßt, außerdem die literarischen Entwicklungen in den verschiedenen Staaten nicht aus den Augen verlieren. In der Tat haben wir bei der Textauswahl ein – allerdings flexibles – Raster benutzt, um diesen berechtigten Ansprüchen nachzukommen. Notwendigkeiten, die unseren Spielraum bei dem begrenzten Platz, der uns zur Verfügung stand, naturgemäß noch stärker beschränkten. Darüber hinaus legten wir Wert darauf, neben den literarischen Gattungen sparsam dosiert auch philosophisch-theoretische Texte mit aufzunehmen, die sowohl gedanklichen als auch ästhetischen Einfluß auf den Prozeß des Schreibens hatten. Den Schwerpunkt setzten wir auf die Prosa, dann auf die Lyrik. Aber möglichst in jedem Kapitel sollte auch ein philosphischer und eine Dramentext zu finden sein – dazu, über das Buch verstreut, wenigstens einzelne Beispiele für Essay, Brief, Tagebuch und Hörspiel. Was die Behandlung der literarischen Entwicklungen in den verschiedenen Staaten angeht, einigten wir uns im Verlauf der Arbeit am Lesebuch darauf, den Literaturen in den einzelnen Ländern nur insofern nachzugehen, als sie eine eigenständige und eigentümliche Entwicklung aufweisen, nicht aber die Literatur eines Landes als solche zu repräsentieren. Eine derartige Eigendynamik entwickelte selbstverständlich die Literatur in der DDR, aber auch in der Republik Österreich, während die bedeutenden literarischen Stimmen aus der Schweiz nicht unbedingt für eine spezifisch schweizerische Literatur stehen. Als wir gegen Ende unserer Arbeit feststellten, daß in unserer Auswahl nur drei Textbeispiele aus der Schweiz vorkamen, entschlossen wir uns dennoch, es bei dieser diplomatisch sicherlich ungünstigen Tatsache bewenden zu lassen, die nur auf Kosten uns essentiell erscheinender Texte, die wir dafür hätten streichen müssen, zu ändern gewesen wäre. Wie vorauszusehen wurde uns diese mangelnde Präsenz Schweizer Autoren von der Kritik dann auch immer wieder vorgeworfen. Zum Schluß sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es uns in der „Inventur“ um die Autonomie der literarischen Entwicklung zu tun war. Es lag nicht in unserem Interesse, den vermeintlich besten Text jedes Autors vorzustellen, sondern das Symptomatische eines Gesamtprozesses zu betonen und seiner Heterogenität möglichst nahezukommen. Gleichwohl blieb das qualitative Niveau der Schriftsteller Grundvoraussetzung dafür, daß sie aufgenommen wurden. Die Kriterien, um dieses Niveau zu bestimmen, sind bekanntlich und berechtigerweise stets kritisch zu hinterfragen und von subjektiven und zeitbedingten Vorlieben niemals ganz zu trennen. Der Gefahr einer vielleicht zu großen Subjektivität im Qualitätsurteil gerade bei der Literatur der jüngsten Zeit waren wir uns dennoch immer bewußt. Förderlich für eine gewisse Objektivierung war zum einen die Zusammenarbeit von zwei aus unterschiedlichen Arbeitsgebieten kommenden Herausgebern, zum anderen das Projekt eines Lesebuchs von 1945 bis zur Gegenwart selbst. Der Umstand, daß die Wahrnehmung des literarischen Lebens bei einem Kritiker und ehemaligen Sachbuchlektor, und einem Schriftsteller oftmals weit auseinanderliegen, der eine ein mehr distanziert-beobachtendes, der andere ein mehr leidenschaftlich-involviertes Verhältnis zum Geschehen einnimmt, ermöglicht eine kritische Selbstprüfung der je eigenen Maßstäbe und macht sie durchlässig für die Sichtweisen des anderen. Daß außerdem beim Umgang mit einem Textkorpus, der so große Autoren wie Nelly Sachs, Hermann Broch, Gottfried Benn, Bert Brecht, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson usw. umfaßt, die Wahrnehmung für Qualität geschärft wird, liegt auf der Hand. Dies erwies sich desto hilfreicher, je mehr wir uns der Gegenwart näherten, wo das Urteil der Kritik und des Publikums noch unklar ist oder zur Über- bzw. Unterbewertung neigt. Man möge einmal die Probe machen mit dem Auszug eines momentan hochgepriesenen Textes, ihn neben Texte der soeben Erwähnten halten und sehen, ob er deren Gewicht einigermaßen standhält. Man wird schnell zugeben, daß die Beurteilung von Kunst keine ausschließlich subjektive Geschmacksfrage ist. Ich glaube, daß einige der Kriterien, die uns beim Lesebuchmachen geleitet haben, nun transparent geworden sind. Vor allem aber hoffe ich gezeigt zu haben, daß wir uns mit unserer „Inventur“ kein kanonisches Ausschlußverfahren angemaßt haben, das Autoren, die nicht nicht darin vorkommen, oder Benützer, die den einen oder anderen Namen vermissen, erzürnen muß.
Norbert Niemann, im Juni 2004 (Vortrag im Rahmen einer Lehrerfortbildung im Deutsches Literaturarchiv Marbach über "Inventur: Deutsche Lesebuch 1945 - 2003"; gehalten am 15. Juni 2004) |
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