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Der letzte Link
Nachwort zu Heiner Links Roman "Frl. Ursula"
1.
Eine Woche vor seinem Tod war Heiner Link noch einmal bei uns am Chiemsee.
Er kam mit dem Auto, das Motorrad war ihm tags zuvor auf einer Spritztour
in Brand geraten. Er erzählte, wie ihm an einer Ampel stehend aus
dem Motor urplötzlich eine Stichflamme entgegengeschlagen sei, die
sein Begleiter und er dann ausgeblasen hätten. Danach seien sie einfach
weitergefahren. Wir mußten furchtbar lachen. Die Szene war so typisch
für ihn. Natürlich hatte er eine Harley Davidson haben müssen,
und natürlich hatte er nur Scherereien damit. Wäre sie ihm nur
abgefackelt.
Wir gingen aufs Traunsteiner Volksfest, sahen
uns wieder einmal einen Boxkampf an. Sonntag früh herrscht in den
Bierzelten der bayerischen Provinz eine Atmosphäre, die wir liebten.
Der Bürgermeister trat in den Ring und hielt eine Ansprache, der
Ringarzt feierte sein dreißigjähriges Ringarzt-Jubiläum,
das Zelt war voll, der Traunsteiner Boxclub unterlegen. Die Schönheit
der Bedienungen auf den Bildern französischer Impressionisten aus
dem vorletzten Jahrhundert findet man nur noch hier. Heiner Link konnte
gut mit den Frauen, und meistens konnten sie gut mit ihm. Mittags über
einen Volksfestplatz gehen, wenn die ersten Buden gerade geöffnet
werden und alle Maschinen noch stillstehen, gehöre zum besten, was
er kenne, sagte er.
Heiner Link hatte ein maßlos sinnliches
Verhältnis zur Welt. Natürlich war ihm Schreiben das Existentiellste
und natürlich litt er darunter, daß im Literaturbetrieb, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum jemand begriff, was in seinen Texten
passierte. Kurz nach seinem Romandebüt Hungerleider im
Jahr 1997 hatte er eine Anthologie Trash-Piloten. Texte für die
90er herausgegeben. Das Etikett des Trash-Autors blieb an ihm kleben.
Von nun an galt Heiner Link als einer, der die Oberflächen des Lebens
zwar lustig, aber eben nur oberflächlich beschrieb. "Es geht mir
nicht ums Komische, sondern ums Tragikomische", sagte Heiner an diesem
letzten gemeinsamen Tag enttäuscht, aber keineswegs verbittert zu
mir.
Eine große Zahl von Schriftstellern und
Schriftstellerinnen unterschiedlichster Stile schätzte die Arbeiten
Heiner Links. Bei keinem anderen Gegenwartsautor klafften die Bewertung
der Kritik und die Achtung der Autoren so weit auseinander. Während
die Öffentlichkeit fast nur noch kalkulierte Skandale auf primitivstem
Niveau produzierte, den wahren Trash und Giftmüll, beschäftigte
sich Heiner lieber mit dem Leben der Vorstädte, dem Geist auf Golfplätzen,
in Supermärkten, Restaurantketten, Kinopalästen und Stadtteilbüchereien.
Ich glaube, unter anderem dafür wurde er von vielen Kollegen geliebt.
2.
Ein halbes Jahr nach seinem viel zu frühen Tod fällt es mir
noch sehr schwer, das schmale literarische Werk meines Freundes bereits
aus einer gewissen sachlichen Distanz zu beurteilen. Doch immer wenn ich
es versuche, denke ich an Gilles Deleuzes Plädoyer "für eine
kleine Literatur". Ja, Heiner Link stand in der großen Tradition
einer kleinen Literatur. Jener Geist, der auf den ersten Blick weit auseinanderliegende
Autoren wie Robert Walser, Kurt Schwitters, Joachim Ringelnatz und einige
Poeten aus dem Dunstkreis der Wiener Gruppe miteinander verbindet, ist
bei ihm noch einmal aufgeblitzt. Zwei aufs engste verwobene Wesensmerkmale
kennzeichnen diesen Geist: Humor und eine tiefe, nie verleugnete Verbundenheit
mit der eigenen Herkunft, den angeblich nicht literaturfähigen Existenzformen
des deutschen Mittelmaßes. Sein Thema war die Exotik der schnuckeligen
Einfamilienhäuser nebenan. Doch er beschrieb diese Leben nicht von
oben herab. Hingebungsvoll bewegte er sich mitten durch sie hindurch,
eigentümlich verstrickt und ausgeschlossen zugleich. "Ich wohne in
einer Doppelhaushälfte mit meiner Frau und meinen beiden Kindern,
an der Garagenmauer hab ich Tomaten angepflanzt, und jede Woche wird der
Rasen gemäht", heißt es im Hungerleider . "Unkraut
zupfen tu ich nicht, das ist mir zu destruktiv. Ich habe ein gutes Händchen
für Bäume, ein jeder wird etwas. Meine Kirsche, Scheißvögel,
und meiner Frau fällt nichts anderes ein, als daß wir halt
ein Netz drübertun müßten. Ja was sind denn das für
Lösungen?"
Im Vorwort seiner 2001 erschienenen Anthologie
Eine Laus im Uhrgehäuse. Komische Gedichte von Morgenstern bis
Gernhardt führt Heiner Link aus, was er unter Humor und Komik
verstanden wissen will. Rigoros grenzt er sich von allem ab, was heute
geradezu als Comedy-Ideologie vornehmlich die privaten Fernsehsender regiert.
Die angestammte Aufgabe des Narren, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten,
das Geschäft des Entlarvens von Sprachhülsen sei im Laufe der
letzten Jahre selbst zu einer Hülse geworden, gipfelnd im blasierten
Zynismus eines Stefan Raab. Der Anmaßung, um den Preis der Zerstörung
x-beliebiger Existenzen ein Massenpublikum zum Wiehern zu bringen, stellt
er seinen Begriff von Humor gegenüber: "Der komische Dichter steht
nicht wie ein Fels in der Brandung, und vor allem amüsiert er sich
nicht auf Kosten anderer. (...) Wir behaupten ganz einfach, daß
die komische Lyrik dem medialen Regentanz hoffnungslos überlegen
ist."
Hoffnungslose Überlegenheit - damit ist
das kulturelle Dilemma der Gegenwart auf den Punkt gebracht. Heiner Link
ist sich stets bewußt gewesen, daß das kommerzielle Scheitern
seines ästhetischen Konzepts in Zeiten von TV Total vorprogrammiert
war - trotz oder gerade wegen der Grandiosität seines Witzes. Die
Würde des Künstlers hat sich schon immer auf dem schmalen Grat
zwischen Öffentlichkeit und Prostitution behaupten müssen. Unter
den Bedingungen einer totalen, beinahe totalitären Markt- und Mediengesellschaft,
dieser Herrschaftsform des seichten Narzißmus, kann dies unter anderem
bedeuten, Erfolglosigkeit auf dem Schlachtfeld der Aufmerksamkeitsindustrie
in Kauf zu nehmen. Keinesfalls hinzunehmen ist jedoch der von Reihenhaussiedlungen,
Rentenversicherungsfragen, Arbeitsplatzängsten, Freizeitproblemen
und Investmentfonds begrenzte Horizont der Neuen Mitte, der mit jener
im Kern uralten, nur in ihrer drastischen Zuspitzung neuartigen "sehr
modernen und ausgefeilten Diktatur" ( Hungerleider) korrespondiert.
Heiner Link hat diesen Horizont am Beispiel
des Großraums München literarisch zu bannen versucht. Darin
war er, der ihm weder entfliehen wollte noch konnte (wohin denn?, hätte
er vermutlich lachend gefragt), um so erfolgreicher: "Es war wohl der
34.Juli, und diese Stadt war eine Stadt, so wie es sich gehört, ein
bißchen nach Vergangenheit stinken, ein bißchen Verwirrung
stiften und eine schale Hoffnung verspritzen. Niemand war geeignet, Leck-mich-am-Arsch
zu sagen, niemand konnte wirklich diese Stadt aushalten, alle hielten
sich am Leben durch hektische Aktivität, für die diese Gemäueransammlung
gemacht zu sein schien, nicht einmal Straßenmüll war zu entdecken."
Zugleich hörte der Hungerleider Link nicht auf, nach Schlupflöchern,
winzigen Spalten, möglichen Durchbrüchen aus diesem sauberen
Alptraum Ausschau zu halten. "Die einzig denkbare Verteidigung ist die
totale Entspannung, ein Zustand, den ich wohl nie erreichen werde", lautet
die erstaunliche Quintessenz seiner Suche.
3.
Ich habe Heiners freche Lässigkeit bewundert, mit der ihm so viele
genial treffende Formulierungen und Pointen gelangen. In seinen kleinen
Büchern finden sich Perlen, für die ich einen Großteil
der groß gefeierten Romane der letzten Jahre gerne vergesse. In
der 1999 erschienenen Prosasammlung Affen zeichnen nicht etwa
parodierte er die literarischen Klischees im neuen zielgruppenorientierten
Buchgeschäft der Neunziger Jahre. Er kopierte den Duktus des zeitgenössischen
Fräuleinwunders ("Im Hotelzimmer warf ich meine Strumpfhose über
eine Stehlampe") ebenso wie die Künstlichkeit eines epigonal modernistischen
Stils ("HALT! sage ich. Retardierendes Moment. Zu früh. Ich weiß.
Wir haben die Herrschaft der Monitore."). Dem Sound der Angelique-Romane
in "Männer lösen aber auch Probleme" stellte er einen Günter-Grass-Sound
in "Protestanten" gegenüber. Doch reine Satire wäre ihm zu eitel,
oberlehrerhaft, comedymäßig gewesen - weshalb er die Sammlung
auch als Humoresken herausgab. Nie verlor er aus den Augen, wie rettungslos
auch er als Schriftsteller und Mensch Klischees ausgeliefert war.
Radikale Selbstironie verleiht seinen Texten
ihre außergewöhnliche Aura. Heiner Link hat das konsumversaute
Spaßspießertum und die Hybris unserer hysterischen Pseudokultur
zwar durchschaut. Die Menschen hat er trotzdem nie verachtet. Das 2001
mit Arno Geiger verfaßte und vom ORF produzierte Hörspiel Alles
auf Band oder Die Elfenkinder geht unter anderem der Frage nach
den Grenzen einer Verwertungslogik nach, die zunehmend skrupelloser wird:
"Man lernt einen ungewöhnlichen Menschen kennen und der erste Gedanke
ist, etwas daraus zu machen. (...) Eine ruinöse Praktik, übrigens
auch sich selbst gegenüber." Damit wollte Heiner nichts zu tun haben.
Wer ihn gekannt hat, weiß, wie ernst es ihm damit war. Er war ein
Kollege von unbedingter Loyalität, gleichwohl ohne je ein Blatt vor
den Mund zu nehmen. Er brach Verbindungen nicht ab, ging mit den "alten
Spezln" seiner Vorstadtjugend immer noch zum Speedway oder in die Sauna,
legte sich eine Golfausrüstung zu. Er versuchte wirklich das unausweichliche
Leben der Doppelhaushälften zu leben. Auch wenn er darin auf die
ihm seit der Kindheit vertraute Weise einsam blieb. "An Güte war
niemand interessiert, an Erkenntnis schon gleich gar nicht", schrieb er
schon im Hungerleider , wissend, daß Typen seines Schlags
dabei waren, endgültig "aus der Mode, out of fashion" zu kommen.
Heiner Link war ein später Vertreter einer
bayerischen Tradition des Anarchischen, die im Volksstück und bei
Karl Valentin beginnt. Dem frühen Herbert Achternbusch zollte er
Respekt, Gerhard Polt verehrte er. Als wir uns zu unserem letzten Volksfestbesuch
verabredeten, las ich ihm am Telefon eine Passage aus Bert Brechts Herr
Puntila und sein Knecht Matti vor. Brecht, der bei Valentin gelernt
hat, läßt Puntila über seine Anfälle von Zurechnungsfähigkeit
sinnieren, die ihn aller Menschlichkeit berauben: "Ich wach auf und bin
plötzlich sternhagelnüchtern. ... Ich sehe nur die Hälfte
von der ganzen Welt. ... Ein zurechnungsfähiger Mensch ist ein Mensch,
dem man alles zutrauen kann. Er ist zum Beispiel nicht mehr imstande,
das Wohl seines Kindes im Auge zu behalten, er hat keinen Sinn für
Freundschaft mehr, er ist bereit, über seine eigene Leiche zu gehen."
Heiner, der das Stück nicht kannte, wollte es gleich lesen. "Der
denkt ja wie ich", sagte er.
Das Jahr, in dem Heiners Album im
Internet entstand, flankiert von Dialogen mit Georg M. Oswald und mir,
zu denen gelegentlich auch Helmut Krausser stieß (2002 unter dem
Titel Mein Jahrtausend erschienen), war die Zeit unserer intensivsten
Zusammenarbeit. Seiner bevorzugten Tradition gemäß plagiierte
er dort hemmungslos, was ihm eine grobe, völlig humorlose Schelte
des Satire-Magazins Titanic eintrug. Er duzte Goethe wie Freddy
Quinn wie Sloterdijk ("mir slottern schon die Knie") wie Ossi, den Besitzer
der gleichnamigen Imbißbude in Blumenau mit dem "besten Schaschlik
von ganz München". Aus mir wollte er die verschüttete komische
Ader wieder "herauskitzeln", die er aus meinen frühen satirischen
Texten kannte. In der "politischen und gesellschaftskritischen Tendenz"
meiner Arbeit sah er andererseits auch eine Art Ergänzung, so wie
ich in seinem absurden bayerischen Humor eine Ergänzung sah - die
Kehrseite eines Vorsatzes, der aus gemeinsamen Wurzeln stammt.
Kurz nach seinem Wochenendbesuch schickte er
mir das Manuskript seines zweiten Romans Fräulein Ursula :
"lieber norbert, hier also ein fetzen fleisch von mir. alter busenkamerad!"
Ich habe ihn erst nach Heiners tödlichem Motorradunfall lesen, ihm
nichts mehr dazu sagen können. Nachdem wir ihn beerdigt hatten, wagte
ich lange Zeit kaum, das Manuskript in die Hand zu nehmen, das auf meinem
Schreibtisch lag. Überflog ich doch ein paar Zeilen, schrak ich zurück,
so lebendig war sofort seine Stimme in meinem Kopf, so unerträglich
im Widerspruch zu der Tatsache, daß ich ihm nie mehr begegnen würde.
4.
Fräulein Ursula ist das geschlossenste und wahrscheinlich
das beste von den nun insgesamt sieben Büchern Heiner Links - für
seine kurze öffentliche Präsenz von nur sechs Jahren eine recht
stattliche Anzahl. Sicher ist dieser Roman der letzte Link. Ein Blick
zurück auf die Wegstrecke, die er als Schriftsteller gegangen ist,
liegt nahe. Und wirklich hat sich mir die ganze poetologische Distanz
zwischen erstem und letztem Buch erst erschlossen, nachdem ich alles wiedergelesen
hatte.
Im Hungerleider schafft es der Erzähler
("ich glimme noch, ich schon") immer wieder mit letzter Kraft, vom "Idiotenkarussell"
der Neue-Mitte-Welt zu springen. "Eine letzte Wildheit möcht ich
doch hinüberretten in mein lausiges Dasein" - auch wenn sie in sich
zusammenfällt "wie ein Zelt". Immerhin scheint ihm das 1997 noch
möglich zu sein, immerhin scheint es noch einen Ort außerhalb
des Karussells zu geben, und unerwartet stellt sich heraus, bei diesem
Ort handelt es sich vor allem um die Natur. Heiner Link beschreibt sie
mit einem poetischen Talent, das in der zeitgenössischen Literatur
wohl seinesgleichen sucht: "Draußen liegt ja dumpf und versprechend
eine Landschaft, die bei jedem Blick meine Erwartung erheischt. Heute
ist sie sauber, geschniegelt, morgen zerrüttet und von Schattenfurchen
durchzogen. Frontal die Strommasten, Vögel fallen durchs Bild. Immerfeuchtes
Laub, hingebröselt und vom Wind unterhoben. Kahl drückt sich
der Himmel vom Horizont ab. Der Geruch von Sonntag. (...) Wunde Bäume,
Ranft, Rinde, das Überstrecken der Blätter, kleine, graue Steinbrocken,
in Wiesen gebettet, sanfte Linien davon wegspringend. Ich möchte
einen Menschen in diesem Bild sehen. Ein Mädchen, das sich setzt.
Auf eine hölzerne Bank, die sich friedlich und auffordernd in die
Breite dehnt. Ich würde mich dazusetzen. Oder jemanden, dessen Schulter
ich freundschaftlich zu mir herdrücken könnte, kurz und kräftig."
Von ähnlich zarten Tönen kann in Fräulein
Ursula keine Rede mehr sein. Wir schreiben das Jahr 2001. Durch und
durch künstlich ist die Welt mittlerweile geworden, durch die der
Erzähler und seine Helden sich bewegen. Natur taucht höchstens
in Form von Golfplätzen und Vorgärten auf. Allenfalls in Erinnerungen
existieren Stoppelfelder und Badeweiher, die jedoch nur noch Erwähnung
finden als Schauplätze, auf denen sich auch damals das Idiotenkarussell
schon zu drehen begann. Kein Ort, der nicht Teil der munteren Drehscheibe
wäre, nirgends. Nicht einmal im Kopf.
Und das Fehlen eines weiteren Auswegs oder Fluchtpunkts
fällt auf. In Hungerleider scheint es eine vage Hoffnung
auf Gleichgesinnte zu geben, mit denen man sich zusammentun und etwas
bewegen könnte: "Ein Hungerleider ist und bleibt eine arme Sau. Zu
einem Hungerleider hilft niemand. (...) Aber ich bin noch nicht fertig:
Noch einmal blitzen die Augen auf, und meine Haare glühen: Ich bin
doch ein REBELL! Zu einem Rebellen müssen doch wenigstens andere
Rebellen helfen. Daß wir uns zusammenrotten zu einem Rebellenhaufen."
- Etwas in der Art schwebte uns beiden wohl vor, als wir 1999 gemeinsam
das Forum der 13 aus der Taufe hoben. Es war als eine Plattform
gedacht, auf der sich jüngere Autoren unbeeinflußt von den
taktischen Manövern und Machtquerelen des Literaturbetriebs austauschen
sollten. Nachdem das Experiment aus unserer Sicht gescheitert war und
wir nacheinander das Forum verlassen hatten, war uns endgültig klargeworden,
daß für jedes Rebellentum längst ein eigenes Pferdchen
auf dem Karussellboden installiert ist, Rebellenhaufen wohl definitiv
keine Option für die Zukunft mehr darstellen.
In Fräulein Ursula jedenfalls
erschöpft sich die Revolte des Helden in dem lächerlichen Akt,
Sprüche auf die Fliesen einer Golfclubtoilette zu schreiben. Daß
es sich dabei um Zitate aus Peter Handkes Tagebuch Am Felsfenster.
Morgens handelt, treibt die Ironie natürlich auf die Spitze.
Fräulein Ursula ist ein schwarzes Idyll, der Horizont der
pervertierten Scheinwelt unserer Neue-Mitte-Gesellschaft ist in diesem
Roman total, Ausgänge, Ritzen gibt es keine mehr. Ich habe mich bei
der Lektüre auf seltsam verschobene Art an einen berühmten alten
Roman erinnert gefühlt: an Joseph von Eichendorffs Aus dem Leben
eines Taugenichts . Auch hier ist die Realität zu einer heiteren
Fassade erstarrt, und die Menschen bewegen sich wie Aufziehpuppen darin.
Ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihre Sexualität, ihr Glück
- alles gehorcht einem faden blutleeren Schema, und man erschrickt als
Leser vor diesen fröhlichen Gespenstern. Bei Heiner Links Happy-end,
als der Held von Fräulein Ursula (es bleibt in der Schwebe, ob in
der Phantasie oder in Wirklichkeit) endlich erhört wird, befiel mich
das gleiche schale Grausen. Der Schlußsatz Eichendorffs: "- und
es war alles, alles gut!" und der von Link: "Es war unheimlich schön."
sind sich nicht zufällig unheimlich ähnlich.
"Das Spiel wird zunehmend schwerer", heißt
es im Hungerleider , "die Gegner raffinierter, und ich machte
meinen Weg über die Wurstsemmel, die profan meinen Hunger stillte
und die mir kaum mehr als sechs Bissen wert war. Chiffre, mit Chiffre
geht es." In Fräulein Ursula haben die Gegenwelten ausgespielt,
in denen Natur, Subversion, Freundschaft, Revolte noch einmal als gleichsam
frühromantische Energiequellen beschworen werden - mögen sie
auch als Wurstsemmeln getarnt daherkommen. Eine Wirklichkeit der vollständigen
Ohnmacht ist hier literarisch gestaltet. Dem Leerlauf des nebenher rennenden
und mitzerrenden Lebens ist nun nicht mehr beizukommen. Und nur die Komik,
die einen trotz allem durch die Lektüre begleitet, Heiner Links Selbstironie
bleibt einem als Waffe und Heimat, um den unaufhaltsamen Verlust letzter
Handlungsmöglichkeiten, das flache Atmen unter dem Glassturz durchzustehen
und sich der endgültigen Apathie zu widersetzen.
5.
Ich habe keine Ahnung, welche Resonanz diese letzte, posthume Veröffentlichung
Heiner Links haben wird. Meine Hoffnung ist, daß seiner Arbeit wenigstens
im Nachhinein ein Teil jener kritischen Sorgfalt und Anerkennung widerfährt,
die ihr zu Lebzeiten des Autors versagt geblieben ist. Gut möglich,
daß mir der Versuch, ein paar Kriterien für das Programm dieses
Dichters einer kleinen Literatur aufzustellen, etwas zu ernsthaft, zu
unlässig geraten ist. Doch hatte ich ständig Heiners Satz im
Ohr: "Ich habe nur ein wenig Angst, daß ich zu lustig wirke." Dem
mußte für dieses Mal entgegengewirkt werden. Das tragikomische
Handwerk erledigt der Autor im Roman ohnehin selbst.
Was danach kommt, wird freilich das völlige Verschwinden Heiner
Links von der öffentlichen Bildfläche sein - so wie ja auch
die Wirklichkeit, die ihn als Typus hervorgebracht hat, im Begriff steht
für immer zu verschwinden. Ich weiß noch gut, wie wir am Morgen
nach einem Sommerfest im ehemaligen Dorf und jetzigen Vorort Eichenau,
wo Heiners Doppelhaushälfte steht, einen Biergarten besuchten. Die
alte Wirtin kannte ihn noch aus seiner Kinderzeit, als er mit dem Vater
Bier und Fruchtsäfte aus dem großväterlichen Betrieb ausgefahren
hatte. Die Sonne schien. Wir blieben den ganzen Tag unter den Kastanien.
Diesen Sonntag habe ich als den schönsten gemeinsam verbrachten Tag
in Erinnerung. Ob das Gelände inzwischen wie angekündigt planiert
ist, weiß ich nicht.
Vielleicht, daß man sich an sein kleines
Werk in zwanzig, fünfzig, hundert Jahren noch einmal erinnern wird,
als Beispiel für einen äußerst vitalen, ungemein sympathischen
literarischen Umgang mit Lebensumständen, die dann längst unvorstellbar
geworden sind und mit einem ungläubigen Kopfschütteln quittiert
werden. Vorausgesetzt, daß es dann noch eine Literatur gibt, besser
gesagt, Leute, die sie lesen.
Was es voraussichtlich jedoch immer geben wird:
Leute, die ein gewisses Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit, Courage und
Lebenswillen teilen. Tugenden, die Heiner interessanterweise mit dem Amateurboxen,
nicht mit dem Profiboxen verband: "Boxen hat nichts Spielerisches. Das
ist der entscheidende Unterschied zum Sport. Es ist ein atavistischer,
fataler Tanz: kämpfende Männer, die eines der edelsten Charaktermerkmale
herausfordern, Mut. In Zusammenhang mit anachronistischen Werten wie Tapferkeit
und Aufrichtigkeit, die beim Boxen ebenfalls eine starke Rolle spielen,
ergibt sich das vollkommenere deutsche Wort: Edelmut. Das ist zweifelsohne
nicht mehr modern, wer ist denn heute schon noch edelmütig."
An jenem letzten gemeinsamen Vormittag im Boxzelt
war mein elfjähriger Sohn Samuel mit dabei. Irgendwann fragte Heiner
ihn, was er einmal werden wolle, doch hoffentlich kein Schriftsteller,
er solle sich bitte uns anschauen, dann sehe er, was dabei herauskomme.
Ich bin überzeugt, Samuel hat im Fall Heiner Links durchaus bemerkt,
was als Mensch dabei herauskommen kann.
Fest steht, daß sich für eine Stimme
seines Schlags immer Ohren finden werden. Vielleicht nicht überall
und zu jeder Zeit, wahrscheinlich nur in kurzen seltenen Momenten einer
glücklicheren Zeitgenossenschaft, sehr wahrscheinlich mit langen
Durststrecken dazwischen. So lange wird mein Freund wohl jedesmal überwintern
müssen. Oder - um ihm selbst das letzte Wort zu geben: "Meine Körpertemperatur
würde sich schleichend dem Gefrierpunkt nähern, und selbst da
hätte ich noch Hoffnung, wenigstens ein letztes Mal zu explodieren.
Es wird immer ein letztes Zerreißen geben. Man darf dieses Zerreißen
nicht dem Tod gleichstellen. Einmal wird's mich immer noch zerreißen."
Norbert Niemann, im Herbst 2002
(erschienen als Nachwort zu Heiner Link "Frl. Ursula",
Roman, Rowohlt 2003)
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