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Befreit von der Zeit
Lobrede auf den metaphysischen Lyriker Armin Senser und sein
"Jahrhundert der Ruhe"
"Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft ist nur eine Täuschung - wenn auch eine hartnäckige."
Der Satz stammt von Albert Einstein, und aus der Perspektive der Relativitätstheorie,
vom Standpunkt der Physik aus ist er objektiv wahr: Zeit ist Gleichzeitigkeit
aller Zeiten, ist Ewigkeit. Subjektiv, vom je einzelnen und einzigartigen
Leben aus betrachtet, ist der Satz absurd. In der kurzen Spanne zwischen
Geburt und Tod rinnt uns der Sand der Zeit durch die Finger. Aus der Dunkelheit
kommend, bewegen wir uns entlang einer Kette von Augenblicken immer weiter
auf eine Finsternis zu, von der wir wissen, daß sie bald endgültig
sein wird. Helligkeit fällt in einen Raum, es ist der Abschnitt eines
Gangs, und während wir uns umsehen und weitergehen ins Dunkle hinein,
erlischt hinter uns das Licht: Leben ist Verschwinden, ist Auslöschung
von Zeit, ist Vergessen.
Daß wir uns damit nicht abfinden können
wie die Hunde, die keine Jahre und Jahreszeiten kennen und deren auf die
Topographie beschränktes Erinnerungsvermögen in der Nase sitzt,
soll angeblich unter anderem das Wesen des Menschen ausmachen. Daher rührt
sein Interesse für den Abgrund, der zwischen Physik und Leben, Ewigkeit
und pausenlosem Sterben klafft. Der Mensch ist im genauen Wortsinn ein
unverbesserlicher Meta-Physiker.
Armin Senser ist ein Dichter, der sich dieses
Umstands in höchstem Maße bewußt ist. "Schreiben heißt
sterben lernen", sagt Ilse Aichinger. Senser stürzt sich schreibend
in den Abgrund der Zeit. Die Sprache ist sein Flug- und Echogerät.
Schrift wird, was nach der Rückkehr die Auswertung des Flugschreibers
ergibt.
Armin Sensers Gedichte sind geschliffene, auf
den Punkt gebrachte Protokolle metaphysischer Reisen und Begegnungen.
Und sie lassen mich staunen. Denn sie kreuzen meine eigenen, sicher ganz
andersartigen geistigen Reiserouten. Was nicht weiter verwunderlich ist,
glaubt man dem Dichter, der in seinem kleinen Aufsatz "Schreiben" davon
spricht, daß alle Schriftsteller an einem einzigen Buch und über
einen einzigen Gegenstand arbeiten. Daher mag wohl die immer wieder verblüffende
Tatsache rühren, daß oft gleichzeitig, an den verschiedensten
Orten und bei den unterschiedlichsten Autoren gemeinsame Themenkreise,
Befunde, Einzelheiten sichtbar werden.
Zum Beispiel taucht, wie das Feuilleton der
Süddeutschen Zeitung kürzlich festgestellt hat, die
Demenz vermehrt als neues Sujet in der Kunst auf. Prominentes literarisches
Beispiel ist die Figur des Vaters in dem amerikanischen Roman Die
Korrekturen. Daß Jonathan Franzen die allmähliche Welt-
und Ich-Auflösung des an Parkinson leidenden Alfred Lambert so ausführlich
schildert, ist kein Zufall. In der Kunst, die diesen Namen verdient, gibt
es keine Zufälle. Vergessen ist das signifikante Kennzeichen unserer
Gegenwart. Blitzlichtgewitter bannen jedes Ereignis in eine blendende
Überhelle, die alles andere in tiefste Schatten taucht. Der Zeitfilm
zerreißt in Einzelbilder, wir sind nicht mehr imstande, sie zusammenzulesen.
Bild um Bild rückt vor die künstlichen Sonnen wahnsinnig gewordener
Beleuchter und verschmurgelt in deren Hitze. Dazu ertönt ohrenbetäubendes
Marktgeschrei. Jetzt! Jetzt! Jetzt! donnert es. Es herrscht Terror gegen
das Erinnern, der Totalitarismus des Augenblicks ist die Ideologie des
21.Jahrhunderts, der neue Mensch, den sie schafft, ist ein Idiot. Nur
Idioten sind fähig, nichts zu wissen, Spaß zu haben und Bomben
zu werfen in aller Unschuld. Auf dem Weg zurück zum Vierbeiner geben
unsere Nasen verläßlich Auskunft über die Grenzmarken
unserer Reviere, wo wir die Sprengsätze deponieren.
"Zum Gedenken an Joseph Brodsky" heißt Armin Sensers
erstes Gedicht in dem Band "Großes Erwachen". Die letzte Strophe
lautet:
Sirenen werden Kirchenglocken zum
Schweigen bringen, Menschen Menschen
im Leben und über den Tod hinaus.
Und sie schließt:
Die Zeit wird Zeiten nicht belangen.
- Wie das? Seit sechzig Jahren wissen wir Bescheid über die Kulturindustrie
und ihre Folgen. Seit sechzig Jahren beobachten wir sie und fragen uns:
Kulturindustrie: was tun? Diese Zeit, die alle Zeiten auslöscht,
sie jede Sekunde in einem einzigen Punkt zusammenstürzen läßt,
diese Zeit sollte die Zeiten nicht belangen?
Genau das behauptet Metaphysik von jeher. Sie
ist konservativ, im buchstäblichen Sinn: Sie bewahrt Zeit. Sie siedelt
im Paradoxen, vermittelt im Riß zwischen den so unbestreitbaren,
wie unverträglichen Wirklichkeiten: Tod und Ewigkeit. Mit Konservatismus
hat Armin Sensers Lyrik dennoch nichts zu tun. Sie trauert keiner vergangenen
Kultur nach, sie will weder die bürgerliche noch irgendeine andere
frühere Kultur wiederherstellen, sie ist auf die Zukunft gerichtet.
"Von der Ewigkeit in die Zukunft - das Schicksal der Literatur" lautet
der Titel eines zweiten Aufsatzes oder Vortrags von ihm. Darin gibt er
ein schönes Beispiel dafür, wie aus dem Blick in die Vergangenheit
die Dynamik für Zukünftiges erwächst: Dantes "Göttliche
Komödie". In der Vorhölle trifft Dante die großen Dichter
der Antike, und Vergil wird ihm den Weg durchs Inferno weisen. Dantes
Begegnung mit der Tradition meint aber nicht Anmaßung, sondern Ankunft.
Erst die Begegnung mit "soviel Geist" gibt ihm die Kraft, weiterzugehen.
Worin diese Kraft besteht, darauf gibt Senser eine auf den ersten Blick
seltsam simple Antwort: "Dante liebte. Ganz einfach. Er war erfüllt
von Liebe." Bekanntlich unterhalten Poesie und Liebe prinzipiell die intimsten
Beziehungen. Was Dichtung jedoch von Kitsch und Schund trennt, liegt im
Charakter dieser Liebe begründet. Es ist eine Liebe zur Poesie, nicht
zum Affekt. "Und logisch", fährt Senser fort, "bedeutet Liebe nichts
anderes als Identität". Wie Dante begreift Senser Tradition als das
Gedenken eines Liebenden an das Geliebte, von dem er getrennt ist. Das
Gedicht ist ihm ein Ort der Vereinigung, es ist - im metaphysischen Sinn
- befreit von Zeit. Als neue, wie Senser sagt: "traditionell-innovative"
Form des Poetischen ist es aber auch diejenige Form des Erinnerns, "die
Zukunft hat".
Entscheidend aber ist, wie diese Begegnung mit
Geschichte und Tradition stattfindet. Auch Senser steigt in die Vergangenheit
hinab und trifft dort "seine" Dichter. Etliche Gedichte wenden sich direkt
an Gottfried Benn, Joseph Brodksy, Robert Frost, Ossip Mandelstam, um
nur einige zu nennen. Doch er kopiert oder imitiert sie nicht, sondern
tritt in Dialog mit ihnen. Genauer gesagt, die lebendigen Stimmen der
toten Dichter sprechen mit ihm. Tradition ist bei Senser ein Gespräch:
kein Gedicht kommt am (lebenden) Dichter vorbei
Sie bedeutet Vergegenwärtigung:
schaut man zurück, trifft man vielleicht auf Gegenwart .
Jeder einmal erklungene Laut, auch das weiß die Physik, schwingt
für immer im Universum. Metaphysik lauscht den Schwingungen, Poesie
macht sie hörbar. Dem Verschwinden der Zeit im totalen Jetzt stellt
Senser die Gegenwart aller Zeiten gegenüber.
Beeindruckt hat mich Sensers Kommunikation
über die Zeiten hinweg in dem langen Gedicht "Begegnung mit Schiller".
Darin bietet, während draußen die heutigen Weltverbesserer
toben und zugleich in Rostock Asylbewerberheime brennen, das lyrische
Ich ein "Refugium" für ein Geistergespräch, das die Geister
austreibt. Armin Senser weiß, daß Geschichte entsteht, wo
die Türen des Erinnerns zufallen, nämlich die Geschichte der
Unterdrückungen, der Gewalt, des Kriegs, anders gesagt: unsere Geschichte
des Gedächtnisschwunds, der Verdummung. Die "Rückkehr" von Schillers
Geisterstimme erzeugt in der Gegenwart des Ichs ein Fieber, es läßt
die Hand zittern beim Niederschreiben des Gedichts und öffnet die
Türen wieder, die von der Geschichte zugeschlagen sind.
Sensers Sprache folgt den Bewegungen seines Gesprächs
mit der Tradition. Denkend, kaum in Bildern, entsteht seine "Oratio recta".
Dennoch handelt es sich bei seinen Gedichten nicht um philosophische Gedankenlyrik.
Denn auch dem Denken begegnet er metaphysisch,
um dem Gedanken nachzuspüren, bis er
von der Oberfläche verschwunden ist.
So bringt er die "prästablisierte Optik" zu Fall, die schon jede
Reaktion auf jeden Reiz der scheinbaren Aktualität im voraus kennt.
Unter anderem darin, meine ich, liegt die politische Dimension in Sensers
Poetologie: Erinnernd nimmt er die Stimmen der Tradition beim Wort.
Ein Geist geht um. Er findet keine
Ruhe. Kein Jahrhundert. Mit Ausnahme
von dem, das ihn vergessen wird. Jahrhundert
der Ruhe.
"Jahrhundert der Ruhe" wird Sensers neuer Gedichtband heißen,
der im Herbst erscheint und aus dem wir heute hoffentlich Kostproben erhalten.
In diesem Jahrhundert der Ruhe muß es die geistig äußerst
beweglichen Gedichte eines Armin Senser geben, "damit die Zeit irgendwo
unterkommen" und uns in unserer Zeitvergessenheit beunruhigen kann.
Mit einem solchen Programm hat der Dichter heute
natürlich die denkbar schlechtesten Karten. Hoffnung, daß sich
das so bald ändern könnte, gibt es keine. Die "kollektiven Viren"
der Eventkultur funktionieren besser als alle Dichtung. Diese Tatsache
verführt Armin Senser jedoch nicht dazu, sein Programm zu revidieren
oder sich mit dessen Aussichtslosigkeit abzufinden. Im Gegenteil. Der
asketische Zug in seinen Gedichten hat etwas durch und durch Angriffslustiges:
Er weiß, diese Gegenwart, "in der Erfolg kaum auszuhalten ist",
kennt nur sich selbst. Wer dagegen "für eine Zukunft ringt", muß
unter den gegebenen Umständen "Verzicht auf ein Publikum" leisten,
um das Publikum der Zukunft zu gewinnen.
Ein solches Publikum ist ihm und aller Literatur
zu wünschen, die diesen Namen verdient. Ein vielleicht irgendwann
wieder wachsendes Publikum, das Geist, Sprache, Dialog mit dem ganzen
Reich der Zeit sucht, statt sich von Mode zu Mode immer weiter für
dumm verkaufen zu lassen. Ein Publikum, das sich mit einem Leben als Vergessen,
mit einer Welt als Verschwinden ebensowenig abfinden will, wie Armin Senser.
Oder um es mit seinen Worten zu sagen:
Zwischen nah und fern neigen
die Dinge doch zu einem Quantum an Eigensinn und wichtig
scheint, es ihnen zu gönnen.
Norbert Niemann, im Frühjahr 2003
(Einführung zu Lesung von Armin Senser im Münchner
Lyrik-Kabinett am 7. April 2003; erschienen in Literaturbeilage der ZEIT
im November 2003)
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